// Startseite
| Haaretz Sports |
| +++ Sportzeitung für Israel +++ |
|
|
|
Wenn 46.051 Zuschauer an einem kühlen Februarabend ins Stadion von Tirat Carmel pilgern, dann erwarten sie Feuerwerk - und sie bekamen es. Der 3:0-Sieg gegen die Kafr Kanna Greens war weniger ein Fußballspiel als vielmehr eine Demonstration der Heimstärke, gewürzt mit nordischer Präzision und einer Prise Humor. Trainerin Babsi Klemm grinste nach dem Abpfiff: "Ich hab der Mannschaft gesagt, spielt einfach wie im Training - nur bitte diesmal trefft ihr das Tor." Gesagt, getan. Schon die ersten Minuten zeigten, dass Tirat Carmel FC den Abend ernst meinte - oder sagen wir, so ernst, wie man eben spielen kann, wenn man beim Aufwärmen noch Witze über das Catering machte. Nach nur fünf Minuten prüfte Rasmus Clausen den gegnerischen Keeper Tibor Gergely mit einem Schuss aus 20 Metern. Der Ball zischte knapp vorbei, aber das war nur der Probelauf. Wenig später traf Rahim Erkin zweimal in Folge das Außennetz - offenbar hatte er den Pfosten als Trainingspartner auserkoren. Dann die 17. Minute: Joel Cantwell humpelte nach einem Zweikampf vom Platz. "Ich hab mich mehr erschrocken als verletzt", meinte er später, "Sigurd hat mich beim Abklatschen fast umgerannt." Der besagte Sigurd Carlsen kam für Cantwell - und machte prompt das, was Einwechselspieler in Glanzstunden tun: treffen. In der 27. Minute bediente Espen Brinkerhoff seinen Kollegen Carlsen mit einem butterweichen Pass. Der Norweger nahm die Kugel volley, und plötzlich war’s 1:0. Das Stadion tobte, und Carlsen rief in Richtung Trainerbank: "Babsi, das war fürs Vertrauen!" Klemm lachte nur und ballte die Faust. Drei Minuten später erhöhte Rasmus Clausen - der Mann, der schon in der Anfangsphase alles probiert hatte - auf 2:0. Nach einer Ecke von Leandro Djalo fand Clausen die Lücke, die eigentlich keine war, und drosch den Ball ins lange Eck. "Ich hab einfach die Augen zu gemacht", gab er später zu. "Und gehofft, dass niemand merkt, dass das so nicht geplant war." Zur Pause führte Tirat Carmel verdient mit 2:0, die Greens wirkten ideenlos, wie ein Chor ohne Notenblatt. Ihr Trainer Jordi Sainz schimpfte in der Kabine so laut, dass man es bis zur Pressetribüne hörte. Nach dem Spiel erklärte er diplomatisch: "Ich wollte nur sicherstellen, dass meine Spieler wach bleiben." Nun ja, sie blieben wach - aber wohl eher, um die Angriffe der Gastgeber mitzuerleben. Denn nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig. Tirat Carmel spielte weiter munter nach vorn, die Greens verteidigten mit der Entschlossenheit eines müden Katers. In der 57. Minute war es wieder Clausen, der nach Vorarbeit von Innenverteidiger Eugenio Conte das 3:0 erzielte. Conte, sonst als Abwehrchef bekannt, hatte sich nach vorn getraut und grinste später: "Ich wollte mal sehen, wie’s da oben aussieht." Die letzten 30 Minuten waren ein Schaulaufen. Tirat Carmel kombinierte sich nach Belieben durch die gegnerischen Linien, während Kafr Kanna immerhin fünf Torschüsse zusammenbrachte - die meisten davon so harmlos, dass Torwart Edward Whitman sie vermutlich mit einem Kaffeebecher in der Hand gefangen hätte. Die Statistiken unterstreichen den Eindruck: 18 Torschüsse für Tirat Carmel, nur 5 für die Greens. Und obwohl der Ballbesitz mit 52 zu 48 Prozent fast ausgeglichen war, wirkte es nie so. Die Hausherren bestimmten Rhythmus und Tempo, die Gäste liefen hinterher - mal schneller, mal resignierter. Nach Abpfiff wurde Babsi Klemm von Fans gefeiert, als hätte sie persönlich die Tore geschossen. "Ich? Ich hab nur die Aufstellung gemacht", meinte sie schmunzelnd. "Aber wenn Rasmus so weitermacht, bekommt er nächste Woche ein Freilos im Training." Clausen wiederum posierte lässig mit dem Spielball und sagte trocken: "Ich hätte gern noch ein drittes gemacht - aber ich wollte ja niemanden demotivieren." Jordi Sainz wirkte dagegen wie jemand, der aus einem besonders langen Albtraum erwacht war. "Wir haben einfach keinen Zugriff bekommen", seufzte er. "Vielleicht hätte ich doch früher auf Pressing umstellen sollen. Oder Kaffee verteilen." Am Ende blieb die Erkenntnis: Tirat Carmel FC ist in dieser Form kaum zu stoppen. Offensiv, zielstrebig, mit Spielfreude und Humor - eine Kombination, die ansteckend ist. Und wer weiß, vielleicht ist das Stadion bald noch voller, wenn die Fans merken, dass man hier nicht nur Fußball, sondern auch Unterhaltung pur bekommt. Oder, wie ein Zuschauer beim Verlassen des Stadions sagte: "Bei dem Spiel hat sogar meine Schwiegermutter gejubelt - und die hasst Tore." 22.09.643990 17:18 |
Sprücheklopfer
Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen. Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.
Rudi Völler