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Es gibt Niederlagen, die wehtun - und dann gibt es Spiele wie das am 20. Spieltag der 1. Liga Israel zwischen den Rehovot Blacks und Tirat Carmel FC. 36.000 Zuschauer im Stadion von Rehovot wurden am Freitagabend Zeugen eines 0:5‑Debakels, das man wohl noch eine Weile in der Stadt diskutieren wird. Während die Gäste aus Tirat Carmel mit der Leichtigkeit eines Sommerwinds über den Platz tanzten, wirkten die Blacks über weite Strecken wie eingefroren. Schon nach elf Minuten war klar, wohin die Reise geht: Frans Dahl, der flinke Linksaußen der Gäste, vollendete nach einem präzisen Vorstoß über Adriano Figo zur frühen Führung. "Ich habe einfach gespürt, dass der Ball reinmuss", grinste Dahl später, als hätte er gerade ein Freundschaftsspiel gewonnen. Die Rehovoter Defensive? Noch beim Aufwachen. Kaum hatte sich die Heimelf sortiert, setzte Tirat Carmel nach. In der 34. Minute war es der bullige Mittelstürmer Isidoro Oliveira, der eine butterweiche Flanke von Sigurd Carlsen verwertete - 0:2. Drei Minuten später dann die nächste kalte Dusche: Ansgar Henriksson, normalerweise Architekt im Mittelfeld, versenkte einen Schuss aus 20 Metern, nachdem Ivica Jovanovic ihm den Ball in den Lauf gelegt hatte. 0:3 - und noch nicht einmal Halbzeit. Die Rehovot Blacks hatten in dieser Phase etwa so viel Kontrolle wie ein Blatt im Wind. Zwar besaßen sie laut Statistik immerhin 45 Prozent Ballbesitz, doch was sie damit anfingen, bleibt ihr Geheimnis. Ein einziger Torschuss stand am Ende zu Buche - in der 90. Minute, als Dimitar Donkow aus purer Verzweiflung abzog. Gästetorwart Georg Danielsen musste sich da schon fast über Langeweile beklagen. "Ich war kurz davor, mir eine Zeitung zu holen", witzelte er nach dem Spiel. Nach der Pause ging es munter weiter - zumindest für Tirat Carmel. Keine Minute war gespielt, da erhöhte Carlsen auf 0:4. Sein Jubel: die Arme weit ausgebreitet, als wolle er sagen: "So einfach ist das." Henriksson, der Vorlagengeber, klatschte ihm ab und meinte anschließend trocken: "Wir wollten zeigen, dass wir auch nach der Pause wach sind." Mission erfüllt. In Minute 64 folgte dann der Schlusspunkt durch Oliveira, der nach feinem Zuspiel von Espen Brinkerhoff seinen zweiten Treffer markierte. 0:5 - und ein Raunen ging durchs Stadion. Die Fans der Blacks schüttelten den Kopf, einige applaudierten sogar ironisch. "Manchmal bleibt einem nur der Galgenhumor", murmelte ein älterer Fan in der dritten Reihe. Statistisch liest sich das Ganze wie ein Lehrbuchbeispiel für Dominanz: 20 Torschüsse für Tirat Carmel, einer für Rehovot. 55 Prozent Ballbesitz für die Gäste, die zudem in jeder Zweikampfsituation wacher wirkten. Ihre offensive Ausrichtung über die Flügel machte den Unterschied - während Rehovot, obwohl offiziell "offensiv" aufgestellt, keinerlei Durchschlagskraft entwickelte. Trainer Babsi Klemm von Tirat Carmel zeigte sich nach dem Spiel zufrieden, wenn auch mit einem Augenzwinkern: "Ich habe den Jungs gesagt, sie sollen Spaß haben. Ich wusste nicht, dass sie so viel Spaß haben würden." Auf der anderen Seite sprach Rehovots Coach - sichtlich bedrückt - von einem "gebrauchten Abend". "Wir wollten mutig sein, aber Mut allein schießt keine Tore", sagte er und verschwand dann kommentarlos in der Kabine. Was bleibt? Ein Spiel, das für Tirat Carmel wie eine Motivationsrede wirkte und für Rehovot wie ein Weckruf. Oliveira, Dahl, Henriksson und Carlsen glänzten als Torschützen, während die Heimelf kaum einmal gefährlich wurde. Selbst die Balljungen hatten mehr Ballkontakte als mancher Mittelfeldspieler der Blacks - zumindest fühlte es sich so an. Vielleicht wird man in Rehovot in ein paar Tagen sagen: "Es war nur ein Spiel." Aber an diesem Abend war es mehr als das - es war eine Demonstration. Tirat Carmel FC spielte nicht nur Fußball, sie zelebrierten ihn. Und während sie jubelten, blieb den Blacks nur eines: die Erkenntnis, dass 90 Minuten sehr, sehr lang sein können. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sarkastisch bemerkte: "Immerhin haben wir nicht 0:6 verloren." 25.01.643991 16:10 |
Sprücheklopfer
Ich habe nur immer meinen Finger in Wunden gelegt, die sonst unter den Tisch gekehrt worden wären.
Paul Breitner