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Ein lauer Frühlingsabend, 35.446 Zuschauer im Stadion von Tirat Carmel, und ein Heimteam, das offenbar beschlossen hatte, den Abend nicht mit komplizierten Rechenspielen zu verbringen: Zwei Tore, null Gegentreffer, fertig ist der perfekte Fußballabend. Beim 2:0 über Kiryat Shmona Red am zweiten Spieltag der 1. Liga Israel zeigte Tirat Carmel FC, dass Offensivdrang und Ordnung durchaus Hand in Hand gehen können - zumindest, wenn man Joel Cantwell und Ivica Jovanovic in den eigenen Reihen hat. Schon in der 19. Minute setzte Cantwell das erste Ausrufezeichen. Nach einem blitzsauberen Doppelpass mit Rahim Erkin, der so elegant über den linken Flügel segelte, dass man fast an einen Tanzabend dachte, versenkte Cantwell den Ball trocken ins rechte Eck. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", grinste der englische Flügelstürmer hinterher, "ich hab einfach so getan, als wäre es Training. Da treffe ich ja auch manchmal." Kiryat Shmona Red wirkte zu diesem Zeitpunkt wie ein Team, das seine Navigations-App verloren hatte. Ballbesitz hin oder her - mit 51 Prozent sahen sie auf dem Papier überlegen aus, doch gefährlich wurde es nur selten. Sechs Torschüsse insgesamt, und die meisten davon landeten eher in der Nähe der Stadionkioske als im Tornetz. Tirat Carmel dagegen spielte schnörkellos, manchmal fast trotzig nach vorn. Trainerin Babsi Klemm winkte an der Seitenlinie, gestikulierte wild und rief ihren Jungs zu: "Macht’s einfach, nicht schön." Und genau das taten sie. Adriano Figo prüfte den Keeper in der dritten Minute, Claude Gaudin scheiterte dreimal knapp - aber der Wille war spürbar. Dann, kurz vor der Pause, eine Szene mit Slapstick-Potenzial: Cantwell, der Torschütze, grätschte in der 31. Minute beherzt - und ungeschickt - in seinen Gegenspieler. Gelb. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", sagte er später augenzwinkernd. Trainerin Klemm rollte mit den Augen: "Er dachte halt falsch." Nach dem Seitenwechsel brachte Klemm frische Offensivkräfte: Sigurd Carlsen ersetzte Erkin, Frans Dahl kam für Cantwell. Und siehe da, die Energie blieb hoch. In der 61. Minute belohnte sich das Heimteam erneut - ausgerechnet der rechte Mittelfeldmann Ivica Jovanovic schlich sich unbemerkt in die Box, bekam den Ball von Rechtsverteidiger Jelle Brill serviert und schob eiskalt ein. 2:0. "Das war wie im Lehrbuch", lobte Brill später, "nur dass wir das Lehrbuch nie gelesen haben." Kiryat Shmona Red versuchte danach, das Steuer herumzureißen. Alexander Sebo und Rudolf Bruun tauchten mehrfach gefährlich vor dem Tor auf, doch Tirats Abwehr stand so kompakt, dass man meinen konnte, Trainerin Klemm habe ihre Spieler mit Sekundenkleber am Strafraum befestigt. In der 76. Minute dann einer der seltenen Momente für Romantiker: Torhüter Georg Danielsen wurde ausgewechselt - offenbar hatte er ein leichtes Ziehen im Oberschenkel. Für ihn kam Edward Whitman, der sich nach Abpfiff scherzhaft als "der wohl am wenigsten beschäftigte Mann des Abends" bezeichnete. Recht hatte er: Kein einziger ernsthafter Schuss kam mehr durch. Statistisch war es ein Spiel mit klarer Handschrift. 14 Torschüsse für Tirat Carmel, 6 für Kiryat Shmona. Die Tackling-Quote von 53,5 zu 46,5 Prozent zeigt, wer die Zweikämpfe wollte - und wer sie bekam. Auch wenn der Ballbesitz minimal zugunsten der Gäste ausfiel, war das Spielgefühl ein anderes: Tirat Carmel dominierte die gefährlichen Räume, Kiryat Shmona dominierte die Rückpässe. Nach Abpfiff lächelte Babsi Klemm verschmitzt in die TV-Kameras: "Wir haben nicht alles richtig gemacht, aber genug, um die drei Punkte zu behalten. Und das ist ja schon fast alles." Ihr Gegenüber, sichtlich bedient, murmelte nur: "Wir haben versucht, Fußball zu spielen. Leider hat der Gegner mitgespielt." Das Publikum verabschiedete die Mannschaft mit stehenden Ovationen - und ein paar Fans sangen schon lautstark vom Titelrennen, obwohl es erst der zweite Spieltag war. Jovanovic lachte, als er das hörte: "Wenn’s nach den Fans geht, sind wir morgen Meister. Aber erstmal sind wir einfach nur froh, dass der Ball heute zweimal reinging." Ein gerechtes Ergebnis also, eines mit Stil und einer Prise Ironie - ganz so, wie Babsi Klemm es mag. Tirat Carmel FC hat mit diesem Sieg nicht nur Punkte gesammelt, sondern auch Selbstvertrauen. Und vielleicht, nur vielleicht, haben sie an diesem Abend ein bisschen mehr gewonnen: den Glauben daran, dass Fußball manchmal gar nicht kompliziert sein muss. Schlusswort? Vielleicht dieses: Wenn man seine Chancen nutzt und den Gegner laufen lässt, dann braucht man keinen Zauberfuß - nur etwas Mut, eine Trainerin mit Humor und einen Stürmer, der im Zweifel einfach draufhält. 23.11.643993 02:04 |
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