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Es war ein Abend, wie ihn Trainer Babsi Klemm vermutlich in einer Mischung aus Stolz und Herzklopfen beenden wird. 43.217 Zuschauer im Stadion von Tirat Carmel FC sahen ein Spiel, das mehr Wendungen hatte als ein Krimi von Agatha Christie - und am Ende jubelte die Heimmannschaft über ein 3:2 gegen die Raanana Reds. Schon nach zehn Minuten lag Tirat Carmel hinten. Nicolas Fryer, der 21-jährige Linksaußen der Reds, traf mit jugendlicher Unbekümmertheit zum 0:1. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste er später, "und gehofft, dass der Ball nicht im Parkhaus landet." Torwart Georg Danielsen schaute nur hinterher - und winkte entschuldigend in Richtung seiner Abwehr. Die schien da noch im kollektiven Winterschlaf. Doch Tirat Carmel wäre nicht Tirat Carmel, wenn sie nicht auf ihre spezielle Art reagieren würden: mit einem Mix aus Wut, Wille und Waghalsigkeit. In der 32. Minute war es Isidoro Oliveira, der sich nach feiner Vorarbeit von Tikhon Makarow durchtankte und zum 1:1 einschob. "Ich hab Tikhon nur rufen hören: ’Lauf!’ - und da bin ich halt gelaufen", lachte Oliveira. Zur Pause also Gleichstand, aber die Gäste aus Raanana wirkten zielstrebiger. Sie hatten 54 Prozent Ballbesitz, mehr Ruhe im Aufbau - und vor allem Adam Kendall, der kurz nach Wiederanpfiff (47.) mit einem blitzsauberen Abschluss zum 1:2 traf. Die Vorlage kam von Mosche Itzhaki, der sich auf der rechten Seite in bester Beachsoccer-Manier durchdribbelte. "Wir wollten das 2:1 sofort, um sie mental zu knacken", erklärte Reds-Trainer Levi Ackerman später. "Leider hat sich eher unsere Defensive selbst geknackt." Denn was danach folgte, war eine Lehrstunde in Sachen Heim-Momentum. Nur neun Minuten nach Kendalls Treffer wuchtete Bram Sleeper - nominell Linksmittelfeld, tatsächlich ein halber Stürmer - den Ball nach einer Ecke von Innenverteidiger Eugenio Conte zum 2:2 ins Tor (56.). "Ich wusste gar nicht, dass Conte so flanken kann", witzelte Sleeper nach dem Spiel. Und als das Publikum noch die Choreografie feierte, schlug Tirat Carmel erneut zu: In der 62. Minute verwandelte Sigurd Carlsen nach Vorarbeit von Ricardo Gutierrez den Ball trocken ins linke Eck - 3:2. Das Stadion explodierte, Babsi Klemm hüpfte an der Seitenlinie wie ein Kind an Weihnachten, und Levi Ackerman beförderte frustriert seine Wasserflasche in die Coachingzone. In der Folgezeit warfen die Reds alles nach vorn. Fryer, Kendall, selbst Linksverteidiger Rhys Baptiste probierten es - insgesamt zehn Torschüsse wie die Hausherren, aber keiner fand mehr den Weg über die Linie. "Wir haben Chancen für zwei Spiele vergeben", knurrte Kendall, "und sie treffen mit halben Möglichkeiten. Fußball, ey." Gelbe Karten sammelten die Gäste dann wenigstens fleißig: Szewczyk (35.), Salvadorez (69.) und der junge Melendez (75.) hielten die Schiedsrichterhand auf Trab. Tirat Carmel blieb vergleichsweise diszipliniert - vielleicht auch, weil Trainerin Klemm in der Halbzeit lautstark an die "Kunst des kontrollierten Chaos" erinnerte, wie sie später lächelnd zugab. Ein besonderer Moment war die Doppel-Auswechslung zur Pause. Klemm brachte Joel Miller und Kacper Wojciechowski - und beide sorgten für Stabilität. "Wir mussten mehr Biss reinbringen", sagte Miller, "Babsi meinte, wir sollen spielen, als ginge es um unsere Miete. Und na ja, das hat funktioniert." Die letzten zwanzig Minuten waren purer Nervenkitzel: Raanana drückte, Tirat Carmel konterte. Einmal rauschte Fryer in der 79. Minute haarscharf am Pfosten vorbei - Danielsen war bereits geschlagen. Beim Abpfiff atmete die ganze Stadt auf. Statistisch gesehen war alles ausgeglichen: je zehn Schüsse aufs Tor, leichtes Ballbesitzplus für die Reds, aber das glücklichere Ende für die Gastgeber. "Wir haben uns das Glück erarbeitet", resümierte Klemm. "Manchmal muss man einfach mutig sein - und hoffen, dass der Ball nicht zurückspringt." Ackerman hingegen wirkte bedient: "Drei Gegentore aus vier Chancen - das ist Effizienz auf Champions-League-Niveau. Leider nicht unseres." Dann lächelte er schmal und fügte hinzu: "Vielleicht sollten wir künftig weniger den Ball besitzen und mehr Tore schießen." Am Ende blieb ein Spiel, das alles bot: Tempo, Emotionen, drei verschiedene Torschützen und eine Trainerin, die bewies, dass Leidenschaft an der Seitenlinie ansteckend sein kann. Und irgendwo in den Katakomben hörte man Bram Sleeper sagen: "Wenn wir so weiter spielen, kriegt Babsi bald ein Fitness-Tracking-Armband - nur um ihren Puls zu überwachen." Ein Vorschlag, den der Verein wohl ernsthaft prüfen sollte. 20.12.643987 17:38 |
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Ich laufe in einer Stunde so viel wie andere Arbeitnehmer in acht.
Mario Basler