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Ein lauer Januarabend, 40.000 Zuschauer, Flutlicht, Trommeln, Pfeifen - und ein Spiel, das alles bot, was ein neutraler Fan liebt und was Trainer graue Haare beschert: Die Tirat Carmel FC gewann am Freitagabend bei den Kafr Kanna Greens mit 3:2 (1:1) und holte damit ihren ersten Auswärtssieg der Saison in der 1. Liga Israel. Dabei begann alles, als hätte jemand vergessen, die Gastgeber zu wecken. Schon in der 4. Minute drosch Joel Miller, der Mittelfeldstratege der Gäste, den Ball aus gut 20 Metern in den linken Winkel. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Miller nach dem Spiel, "aber der Ball hatte wohl andere Pläne." Greens-Torhüter Morgan Lewis sah dem Projektil nur hinterher - und so stand es 0:1, bevor manche Zuschauer überhaupt ihr Sonnenblumenkern-Paket geöffnet hatten. Doch die Greens schüttelten sich kurz und antworteten mit der Entschlossenheit eines Teams, das seine Fans nicht enttäuschen wollte. In der 19. Minute fasste sich Außenverteidiger Andre Mofaz ein Herz, zog nach einem abgewehrten Eckball ab - und traf. Der Jubel war ohrenbetäubend. "Ich wusste, dass ich treffen würde, als der Ball zu mir kam", sagte Mofaz später, während er sich ein Schweißband über die Stirn zog. "Okay, eigentlich wusste ich es nicht, aber es klingt gut, oder?" Das 1:1 zur Pause war verdient. Kafr Kanna hatte etwas mehr Ballbesitz (51,6 Prozent), die Gäste aus Tirat Carmel jedoch deutlich mehr Zug zum Tor: 14 Torschüsse im gesamten Spiel, doppelt so viele wie die Gastgeber. Trainerin Babsi Klemm, in schwarzer Lederjacke und mit der Körpersprache einer Dirigentin, brüllte von der Seitenlinie: "Mehr Flügelspiel, Leute! WIR haben Flügel!" Und ihre Spieler folgten. Der zweite Durchgang begann mit einer kleinen Gelb-Orgie: Erst Adriano Figo (Tirat Carmel, 57.), dann Julian Djalo (Greens, 65.) und schließlich wieder Miller (72.) wurden verwarnt. "Das war kein böses Spiel", meinte Schiedsrichter Alon Peled später, "aber sie haben mir einfach keine Pause gegönnt." Dazwischen allerdings wurde Fußball gespielt - und wie! In der 58. Minute zog Espen Brinkerhoff nach sehenswerter Vorarbeit von Mittelstürmer Isidoro Oliveira trocken ab und brachte Tirat Carmel erneut in Führung. Ein klassischer Angriff über links, schnell, präzise - und erfolgreich. Doch kaum hatten die Gäste gejubelt, schlugen die Greens zurück: David Ohayon traf in der 63. Minute nach feinem Zuspiel von Lennard Lux zum 2:2. "Ich hab kurz überlegt, ob ich ihn querlege", erzählte Ohayon, "aber dann dachte ich: Ach, was soll’s - der Ball will ins Tor." Das Spiel stand nun auf des Messers Schneide, und die 40.000 im Stadion spürten, dass hier noch was passieren würde. Und tatsächlich: In der 71. Minute war es wieder Tirat Carmel, das zuschlug. Rasmus Clausen, der rechte Mittelfeldmann mit dem unerschütterlichen Dauerlächeln, wuchtete den Ball nach einem Kopfballzuspiel von Verteidiger Eugenio Conte zum 3:2 ins Netz. "Wir wollten unbedingt gewinnen", schnaufte Clausen nach Abpfiff. "Und als Eugenio den Ball rüberlegte, dachte ich: Wenn ich den jetzt nicht treffe, lässt mich Babsi morgen im Bus sitzen." Die Trainerin grinste später auf der Pressekonferenz: "Er übertreibt. Vielleicht hätte ich ihn nur laufen lassen - nach Hause." Kafr Kanna drängte in den letzten Minuten auf den Ausgleich, hatte durch Björn Mattson (92.) und Fritz Revivo (94.) noch zwei gute Chancen, doch Keeper Jaime Ordono hielt mit Katzenreflexen. "Es war keine Kunst, das war pure Angst", gab Ordono lachend zu. Am Ende jubelte Tirat Carmel, während die Greens enttäuscht, aber fair applaudierten. "Wir haben gut gespielt, aber Kleinigkeiten haben uns das Genick gebrochen", bilanzierte ein sichtlich müder Andre Mofaz. "Und vielleicht auch Clausen." Statistisch gesehen war es ein Duell auf Augenhöhe mit leichtem Plus für die Gäste: 52 Prozent Zweikampfquote, 14:7 Torschüsse - und drei Treffer, die alle sehenswert waren. Das Publikum verabschiedete beide Teams mit ehrlichem Applaus. Und während sich Trainerin Klemm schon den nächsten Gegner vornahm, sagte ein älterer Fan auf der Tribüne: "Wenn die Greens so weiterspielen, kriegen sie bald wieder grüne Zahlen in der Tabelle." Fußball, Emotionen, Chaos - und ein bisschen Poesie im Strafraum. Der zweite Spieltag der 1. Liga Israel hatte alles. Und wer Joel Miller jetzt noch Flanken üben sehen will, soll lieber früh kommen: Vielleicht fliegt der nächste Ball wieder in den Winkel. 06.03.643987 06:15 |
Sprücheklopfer
Der Vorteil von Trainern wie Branko Zebec und Ernst Happel war ihre kuriose Sprache. Die Spieler mussten sich stark konzentrieren, um zu verstehen, was sie meinten. Deshalb kam ihre Botschaft so gut rüber.
Felix Magath