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Wenn ein Fußballspiel ein Theaterstück wäre, dann hätte das gestrige Duell zwischen Tindastoll und IH Hamar wohl den Titel "Wie man 20 Mal aufs Tor schießt und trotzdem nur zweimal trifft" verdient. Vor 9516 Zuschauern in der frostigen Arena von Saudárkrókur erlebten die Fans ein Wechselbad der Gefühle, das am Ende mit einem 2:2-Unentschieden endete - und mit einem kollektiven Aufatmen der Hausherren. Trainer Jörg Wenneker, sonst eher ein ruhiger Vertreter seiner Zunft, wirkte nach Abpfiff wie ein Mann, der gerade eine Achterbahnfahrt überlebt hatte. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir daneben geschossen haben", grinste er gequält. "Aber wer in der 91. Minute noch trifft, darf sich auch mal freuen." Dabei begann der Abend für Tindastoll so, wie man es als Trainer hasst: mit einem frühen Gegentor. Bereits in der 10. Minute nutzte IH Hamars Flügelstürmer Elmar Vidarsdottir die erste ernsthafte Gelegenheit der Gäste. Nach feinem Pass von Routinier Mikael Hreidarsson schob Vidarsdottir eiskalt ein - eins zu null für Hamar. Der Treffer war so etwas wie ein Weckruf für die Gastgeber, die danach wütend anrannten. Henry Johnstone, Javier Coluna und Emil Dumitrescu feuerten aus allen Lagen, aber Hamars Keeper Hjalmar Edvaldsson hatte offenbar beschlossen, an diesem Abend unüberwindbar zu sein. Die Statistik spricht Bände: 20 Torschüsse für Tindastoll, nur drei für Hamar. Doch Tore zählen, nicht Schüsse - und so ging es mit einem 0:1 in die Pause. In der Kabine dürfte Wenneker deutliche Worte gefunden haben. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn ihr noch einmal so auf das Tor schießt, dann wenigstens so, dass der Ball reingeht", verriet er später augenzwinkernd. Offenbar fruchtete die Ansprache, denn in der 56. Minute brach endlich der Bann. Rechtsverteidiger Rafael Miro setzte sich wieselflink durch, flankte präzise auf Coluna, und der drosch den Ball humorlos unter die Latte - 1:1! Doch kaum hatten sich die Fans wieder aufgewärmt, folgte der nächste Dämpfer: Nur zwei Minuten später traf erneut Vidarsdottir für die Gäste. Diesmal nach einem Konter, eiskalt abgeschlossen, nachdem Mittelfeldmann Samuel Henderson geistesgegenwärtig den Pass in die Tiefe spielte. 2:1 für Hamar - und das mit einem Mann weniger, denn Abwehrspieler Åke Afzelius hatte nach einer Gelb-Roten Karte (54. Minute) bereits frühzeitig Feierabend. Die Schlussphase wurde dann zu einem wahren Drama. Hamar verteidigte mit allem, was Beine hatte, während Tindastoll Angriff auf Angriff startete. Es war, als hätte jemand die Pausetaste für den Ballbesitz gedrückt: 52,8 Prozent für Tindastoll, gefühlt aber 90 in den letzten zehn Minuten. Nevio Martinez, der bis dahin eher unauffällig agiert hatte, schrieb sich schließlich in die Geschichtsbücher. In der 91. Minute nahm er einen Querpass seines Mittelfeldpartners Manuel Juanez direkt und traf - abgefälscht, unhaltbar, aber umso schöner. Das Stadion explodierte. Martinez selbst erzählte später lachend: "Ich habe gar nicht gesehen, dass der Ball drin war. Ich hörte nur plötzlich 9000 Menschen schreien - da hab ich mir gedacht, das war wohl ich." Hamar-Trainer, der sichtlich bediente Gastcoach, kommentierte das Remis mit nordischer Gelassenheit: "Wenn man 40 Minuten in Unterzahl spielt und trotzdem fast gewinnt, kann man nicht unzufrieden sein." Und er hat Recht - seine Mannschaft zeigte trotz der defensiven Ausrichtung ("balanced", wie es in der Taktiktafel hieß) enorme Disziplin. Für Tindastoll dagegen bleibt das Gefühl, zwei Punkte verschenkt zu haben. 20 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe, aber nur ein Zähler - das ist die bittere Realität eines Abends, der eigentlich nach Sieg roch. Am Ende jubelten beide Teams, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Tindastoll, weil sie nicht verloren, und Hamar, weil sie trotz Unterzahl nicht eingebrochen waren. Oder wie es Henry Johnstone trocken zusammenfasste: "Wenn wir beim nächsten Mal das Tor treffen, gewinnen wir vielleicht auch mal." Ein Satz, der sich eigentlich als Motto für diesen isländischen Fußballwinter eignet. Denn manchmal ist Fußball eben kein Spiel der Logik, sondern der Geduld - und der späten Helden. 22.09.643990 20:15 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack