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Es war einer dieser Abende im KCOM Stadium, an denen man sich fragt, warum Fußballfans überhaupt noch Nägel haben. 28.987 Zuschauer sahen, wie die Hull Tigers am 24. Spieltag der 2. Liga England erst lange anrannten, sich dann aber in den letzten 15 Minuten in einen wahren Torrausch spielten. Am Ende hieß es 3:0 (0:0) gegen ein tapfer verteidigendes, aber letztlich chancenloses Port Vale FC. Trainer Mathias Oergel stand nach dem Schlusspfiff mit einem Grinsen da, das irgendwo zwischen Erleichterung und Stolz pendelte. "Ich habe den Jungs in der Pause gesagt: Wenn ihr weiter so elegant an den Pfosten schießt, schreibt uns Shakespeare das Drehbuch zum Untergang", scherzte er. "Aber sie haben reagiert. Und wie!" Die erste Halbzeit war ein Musterbeispiel britischer Geduld - wenn auch nicht unbedingt der feinen Sorte. Die Tigers hatten mehr vom Spiel, Port Vale etwas mehr Ballbesitz (51 Prozent), aber das war so effektiv wie ein Regenschirm im Sturm. Hull kam auf 22 Torschüsse, und schon in der 18. Minute prüfte Xabi Manu den gegnerischen Keeper Waldemar Dalsgaard mit einem wuchtigen Schuss, den dieser spektakulär aus dem Winkel fischte. Luca Engelhardt, Hulls quirliger Linksaußen, schien in dieser Phase einen ganz persönlichen Dialog mit dem Ball zu führen, der allerdings oft mit "Nicht schon wieder daneben!" endete. Gleich sechs Mal tauchte er gefährlich vor dem Tor auf - und scheiterte jedes Mal. "Ich schwöre, irgendwann hat der Ball einfach Nein gesagt", stöhnte Engelhardt später in der Mixed Zone. Nach dem Seitenwechsel wurde Hull noch druckvoller, obwohl der Taktikzettel weiterhin "Offensive, aber bitte mit Stil" lautete. In der 51. Minute musste Günther Götz verletzt runter, was das Heimteam kurzzeitig aus dem Rhythmus brachte. Doch Oergel reagierte schnell: Alexander Bancroft kam rein, später folgten Lewis Payne und Connor Wiltshire. Und genau diese Wechsel sollten das Spiel kippen. In der 76. Minute war es dann soweit. Tyler Edwards, der sonst eher für rustikale Grätschen bekannt ist, flankte mit chirurgischer Präzision aus der Tiefe, und Wiltshire drosch den Ball volley ins Netz - 1:0! Die Tribünen bebten, und Oergel trommelte euphorisch auf seine Trinkflasche ein. Wiltshire grinste hinterher: "Tyler hat mir gesagt, ich soll einfach die Augen zu machen und draufhauen. Hat funktioniert." Port Vale versuchte es danach mit Mut, aber wenig Fortune. Ein Schuss von Henry Farnsworth in der 55. Minute blieb die einzige echte Gelegenheit der Gäste in Hälfte zwei. Der Rest war Verteidigung im Rückwärtsgang. Dann kam die Nachspielzeit - und mit ihr der Doppelschlag. In der 90. Minute bediente Antonio Hernando den lauernden Marvin Eder, der humorlos zum 2:0 einschob. Kaum hatten sich die Gäste neu sortiert, setzte Billy Chamberlain noch einen drauf. In der 92. Minute zog er nach Pass von Payne aus 20 Metern ab, der Ball zischte wie ein Pfeil ins lange Eck. 3:0! Das Stadion stand Kopf, und selbst der sonst stoische Oergel reckte beide Arme gen Himmel. Nur eine Szene trübte die Euphorie leicht: Lewis Payne sah in der 94. Minute Gelb, vermutlich weil er beim Jubeln etwas zu sehr den inneren Tänzer entdeckte. "Wir haben heute gezeigt, dass wir Geduld haben", sagte Oergel später. "Und dass wir nicht aufhören, bis der Schiedsrichter uns die Bälle wegnimmt." Sein Gegenüber, Port Vale-Coach Dean McAllister (der seinen Namen lieber nicht im Protokoll lesen wollte), knurrte nur: "Drei Tore in 15 Minuten - das ist kein Fußball, das ist ein Überfall." Die Zahlen untermauern die Dominanz: 22:4 Schüsse, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe, und das trotz leichtem Ballbesitz-Nachteil. Hull spielte aggressiv, Port Vale hoffte. Als das Flutlicht erlosch, blieb der Eindruck eines Teams, das erst spät sein Brüllen fand - aber dann mit Nachdruck. Das Publikum verabschiedete die Tigers mit Standing Ovations, während Engelhardt mit einem Augenzwinkern versprach: "Nächstes Mal treffe ich auch. Vielleicht." Ein Abend, der zeigte: Manchmal sind die letzten Minuten die ehrlichsten im Fußball. Oder, wie es ein älterer Fan auf der Tribüne sagte, während er seinen Schal schwenkte: "Sie haben uns warten lassen - aber das war’s wert." 14.06.643993 05:25 |
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