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Manchmal dauert ein Fußballspiel 90 Minuten - und manchmal nur 85. Für Teutonia Bielefeld endete der 10. Spieltag der Oberliga D jedenfalls fünf Minuten zu früh. Bis dahin führten die Westfalen gegen Eintracht Schwerin mit 1:0, rochen an einem Heimsieg und hatten das Publikum schon halb im Feierabendmodus. Dann kam die rote Karte, dann kam Pascal Brenner - und dann kam der Absturz in Zeitlupe. Vor 3902 Zuschauern im alt-ehrwürdigen Bielefelder Stadion begann alles wie im Märchen: Schon in der ersten Minute schlug Wilhelm Frei zu. Der 21-Jährige, sonst eher bekannt für seine läuferische Ausdauer als für Torinstinkt, traf nach Vorarbeit des 17-jährigen Günter Werner eiskalt ins rechte Eck. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste Trainer David Hesse später. "Aber Wilhelm hat ihn einfach reingekloppt - vielleicht, weil er nicht wusste, dass man in der ersten Minute eigentlich noch aufwärmt." Teutonia spielte danach kontrolliert, mit leichtem Hang zur Vorsicht. 46 Prozent Ballbesitz und neun Torschüsse sprechen für eine engagierte, aber nicht überbordend kreative Vorstellung. "Wir wollten das Ergebnis verwalten", sagte Verteidiger Noah Greiner, "aber anscheinend haben wir das Verwalten mit Vergessen verwechselt." Eintracht Schwerin tat sich zunächst schwer. Trainer Thomas Krause hatte eine offensive Ausrichtung gewählt, doch seine Jungs verzettelten sich in der ersten Halbzeit regelmäßig in der Bielefelder Ordnung. Erst nach der Pause kippte das Spiel langsam. Marcel Brinkmann prüfte Keeper Dominique Reacock aus der Distanz (55.), Pascal Brenner und Mike Breuer versuchten es - und scheiterten noch. Aber man spürte: Da geht was. Schwerin hatte inzwischen mehr Ballbesitz (53,6 Prozent), kombinierte flüssiger, und Bielefeld zog sich tiefer zurück, als es der eigenen Defensive guttat. Dann kam die 84. Minute - und mit ihr der Wendepunkt. Günter Werner, der junge Vorlagengeber des frühen Führungstores, ließ sich zu einem übermotivierten Einsteigen hinreißen. Schiedsrichterin Weller zückte ohne Zögern Rot. "Er hat den Ball gespielt - nur leider zehn Sekunden zu spät", kommentierte Trainer Hesse trocken. Mit einem Mann weniger und einem Team, das sich gerade noch in Sicherheit gewiegt hatte, begann das Drama. Eine Minute später nutzte Schwerin die Überzahl eiskalt: Nico Rudolph flankte von rechts, Pascal Brenner stand goldrichtig und köpfte zum 1:1 ein. Der 20-Jährige rannte jubelnd an die Seitenlinie, wo Krause ihn packte und brüllte: "Ich hab’s dir gesagt! Noch fünf Minuten!" Und tatsächlich, nur eine Minute später - 86. Spielminute - war es der Routinier Mike Breuer, 35 Jahre jung, der einen Abpraller aufnahm und aus 18 Metern trocken ins lange Eck einschweißte. 1:2. Spiel gedreht. Stadion still. "Das war Erfahrung gegen Euphorie", sagte Krause nach dem Abpfiff und lächelte mit jener Mischung aus Stolz und Schadenfreude, die nur Sieger kennen. "Wir haben einfach weitergemacht, während Bielefeld aufgehört hat, an sich zu glauben." Bielefelds Trainer Hesse dagegen stand nach dem Schlusspfiff minutenlang an der Seitenlinie, den Blick leer ins Flutlicht gerichtet. "Wenn du 89 Minuten führst und dann mit 1:2 rausgehst, willst du eigentlich das Regelwerk umschreiben", meinte er später halb im Scherz. "Vielleicht sollten wir künftig nach 80 Minuten abpfeifen." Die Statistik untermauert das bittere Ende: Bielefeld hatte mehr Torschüsse (9:8), aber weniger Ballbesitz. Beide Teams lieferten sich ein Duell auf Augenhöhe - zumindest bis zur unglücklichen roten Karte. Danach war Teutonia nur noch Staffage im Schweriner Schlusssprint. Eintracht-Kapitän Felix Krebs fasste es pragmatisch zusammen: "Wir haben uns den Sieg nicht erkämpft, wir haben ihn abgeholt. Die standen halt offen, und Mike trifft im Schlaf." Und tatsächlich: Breuer, der Oldie im Schweriner Team, wurde nach seinem Treffer gefeiert wie ein Held aus besseren Tagen. "Ich hab einfach draufgehauen", lachte der Matchwinner in der Kabine. "Wenn du 35 bist, wartest du nicht mehr auf den perfekten Moment." So blieb es beim 1:2 aus Bielefelder Sicht - ein Ergebnis, das weh tut, weil es so vermeidbar war. Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus, vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus Gewohnheit. "Wir lernen daraus", versprach Hesse zum Schluss, "nämlich, dass ein Spiel erst vorbei ist, wenn der Schiedsrichter pfeift - und nicht, wenn man denkt, man hätte’s schon gewonnen." Ein Satz, den man sich in Bielefeld wohl rahmen lassen wird. Und in Schwerin? Da feiert man den späten Triumph - vermutlich noch bis Montag. 23.02.643994 17:12 |
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