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Manchmal steht auf der Anzeigetafel kein Ergebnis, sondern eine Diagnose. "0:6 - akuter Klassenunterschied", hätte man am Freitagabend in Lamstedt lesen können. Vor 3976 Zuschauern spielte der SV Linx den Gastgeber phasenweise schwindelig - und das mit einer Leichtigkeit, die an ein Trainingsspiel erinnerte. Während Lamstedt-Coach Hardy Hate an der Seitenlinie mehrfach verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlug, nickte Linx-Trainer Michal Dickschat fast gelangweilt in sein Notizbuch. Schon in den Anfangsminuten zeichnete sich ab, dass Linx an diesem 15. Spieltag der Regionalliga A nicht angereist war, um sich den matschigen Rasen anzuschauen. Nach fünf Minuten prüfte Christian Stein erstmals den Lamstedter Keeper Berndt Hagen, der noch glänzend parierte - da wusste er allerdings noch nicht, dass dies einer seiner besseren Momente des Abends bleiben würde. In der 23. Minute klingelte es dann erstmals. Der 18-jährige Stein traf nach kluger Vorarbeit von Karl Schwab zum 0:1. "Ich dachte kurz, ich steh im Abseits, aber dann hab ich einfach draufgehalten", grinste Stein später in die Mikrofone. Fünf Minuten später legte Mark Fritsch nach - diesmal bediente ihn Routinier Jan Hermann mit einem butterweichen Pass in den Lauf. 0:2, und die Heimfans schauten betreten auf ihre Bratwurst. Lamstedt versuchte es zwar tapfer, kam aber über einige harmlose Fernschüsse von Albert Guerrero und Linus Wolf nicht hinaus. Vier Torschüsse in 90 Minuten - das ist statistisch gesehen fast so selten wie ein Lottogewinn. Der Ballbesitz lag mit 46 Prozent zwar im akzeptablen Bereich, doch wer den Ball nur in der eigenen Hälfte zirkulieren lässt, hat davon wenig. Nach der Pause setzte Linx dort an, wo sie aufgehört hatten: beim Toreschießen. Der 17-jährige Joshua Merz, blutjung und furchtlos, traf in der 49. Minute nach Vorarbeit von Schwab zum 0:3. Dickschat klatschte einmal, setzte sich wieder hin und sagte später trocken: "Ich wollte, dass die Jungs Spaß haben - und das hat man wohl gesehen." In der 79. Minute durfte sich Linksverteidiger Otto Fritsch in die Torschützenliste eintragen - ausgerechnet nach einem Pass von Stürmer Robert Jahn, der kurz darauf selbst das 0:5 erzielte (88.). "Ich wollte eigentlich flanken", gab Jahn nach dem Spiel ehrlich zu, "aber wenn der Ball reinfliegt, beschwert sich ja keiner." Den Schlusspunkt setzte dann der älteste auf dem Platz: Jan Hermann, 34 Jahre jung, hämmerte in der 90. Minute nach Vorlage von Ralph Konrad das Leder unter die Latte. 0:6 - und selbst die Gästefans wussten nicht, ob sie jubeln oder Mitleid haben sollten. Die Statistik sprach ohnehin Bände: 23 Torschüsse für Linx, 4 für Lamstedt. 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe für die Gäste, ein Ballbesitz von 54 Prozent. Anders ausgedrückt: Linx hatte den Ball, die Ideen und das Zielwasser - Lamstedt hatte den Schlusspfiff. Hardy Hate wirkte nach dem Spiel erstaunlich gefasst. "Wir haben Lehrgeld bezahlt", sagte er in die Kameras. "Vielleicht gleich Semestergebühren." Sein Torwart Hagen murmelte beim Verlassen des Platzes: "Ich hab heute mehr Bälle gesehen als Netflix-Folgen letzte Woche." Trotz der Demütigung blieb die Stimmung im Stadion bemerkenswert fair. Die Lamstedter Fans verabschiedeten ihr Team mit Applaus - vielleicht mehr aus Mitleid als aus Begeisterung. Ein älterer Herr auf der Tribüne brachte es auf den Punkt: "Die Jungs haben’s versucht, aber Linx war halt Linx. Da kannst du nix." Für die Gäste war es ein Statement-Sieg. Sechs verschiedene Kombinationen führten zu Toren, die taktische Ausrichtung blieb durchgehend offensiv, das Pressing maßvoll - und doch wirkte alles wie aus einem Guss. "Wir wollten nicht überdrehen", meinte Dickschat. "Aber wenn’s läuft, dann läuft’s." Lamstedt dagegen muss sich nun fragen, wie man die Abwehr wieder zusammenflickt. Die Innenverteidiger Schenk und Aganzo wirkten oft wie zwei, die sich gerade erst beim Einlaufen kennengelernt haben. Und als Schenk in der 91. Minute auch noch Gelb sah, war der Abend endgültig komplett. Am Ende bleibt ein Ergebnis, das in Lamstedt noch lange nachhallen dürfte. SV Linx spielte Fußball zum Genießen - Lamstedt lieferte die Statisten. Und irgendwo zwischen Frust und Fassungslosigkeit sagte ein kleiner Junge im Publikum zu seinem Vater: "Papa, warum schießen wir keine Tore?" Der Vater seufzte, nahm einen Schluck aus seinem Becher und antwortete: "Weil Linx heute einfach alles getroffen hat - außer den Bus auf dem Parkplatz." Ein bitterer, aber ehrlicher Abend für den Fußball in Lamstedt. 19.11.643990 08:50 |
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Wichtig ist, dass wir auch kämpferisch überzeugen und nicht nur Eiskunstlaufen machen.
Rainer Calmund