// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Ein kühler Freitagabend, Flutlicht, Regionalliga-A-Atmosphäre: 4147 Zuschauer im Stadion am Böllenfalltor sahen ein Spiel, das zunächst nach einem gemütlichen Heimabend aussah - bis der SV Linx die Hausherren in der ersten Halbzeit eiskalt abkochte. Am Ende stand ein 1:2 (0:2), und wer spät kam, verpasste die entscheidenden Momente. Die Darmstädter begannen mit viel Ballbesitz (am Ende satte 54,4 Prozent), aber wenig Ideen. "Wir wollten kontrollieren, nicht gleich alles riskieren", erklärte ein sichtlich genervter Kapitän Max Rausch nach dem Abpfiff. Kontrolle hatte Darmstadt zwar, doch Linx hatte den Plan - und offenbar auch Lust auf Chaos. Bereits in der 17. Minute deutete sich das Unheil an: Linx’ Mittelfeldroutinier Jan Hermann prüfte Darmstadts Keeper Kai Büttner mit einem satten Schuss, der die Handschuhe erwärmte. Vier Minuten später fiel das 0:1 - und natürlich war es der Jüngste, der die Alten belehrte. Der erst 17-jährige Dieter Wagner traf nach schöner Vorlage von Hermann. Der Bengel hatte kurz zuvor Gelb gesehen, weil er sich bei einem Foul etwas zu sehr als Erwachsener aufführte - und nun jubelte er rotwangig wie beim Schulfest. "Ich dachte, ich krieg’ Ärger, dass ich zu früh abgezogen hab", grinste Wagner später, "aber der Ball war einfach drin." Kaum hatten sich die Lilien sortiert, klingelte es erneut. In der 23. Minute erhöhte Robert Jahn nach einem mustergültigen Pass von Mark Fritsch auf 0:2. Linx erstickte die Darmstädter Aufbauversuche im Keim, mit aggressivem, aber fairem Pressing. Darmstadts Linker Verteidiger Evan Willoughby versuchte, ein Zeichen zu setzen - leider in Form einer Gelben Karte in der 30. Minute. Ein Zeichen war es trotzdem: "Ich wollte zeigen, dass wir auch noch da sind", murmelte er hinterher. Der Rest der ersten Hälfte verlief wie ein zähes Ringen um Ordnung im Mittelfeld. Linx spielte schnörkellos, Darmstadt suchte vergeblich das Tempo. Und auf den Rängen wurde schon gemunkelt, ob Trainer Dickschat von Linx seine Jungs heimlich mit Espresso statt Iso-Drink versorgt hatte - so wach wirkten sie. Nach dem Wechsel kam Darmstadt mit Wut und Wind im Gesicht zurück. In der 48. Minute endlich der Anschluss: Harald Wilhelm drosch den Ball nach Vorarbeit von Greger Abelson in die Maschen - ein Tor aus der Kategorie "Endlich!". "Ich hab gesagt, Greger, gib mir das Ding einfach, ich mach schon was draus", erzählte Wilhelm später, halb stolz, halb erleichtert. Abelson selbst wurde in der 81. Minute verletzt vom Platz getragen, während das Publikum ihm mit warmem Applaus dankte - ein seltenes Zeichen von Einigkeit an diesem Abend. Darmstadt drängte, hatte nun die besseren Phasen. Yves Göbel (53.) und Wilhelm (72.) prüften Linx-Keeper Oscar Haase mehrfach, doch der zeigte Reflexe, die eigentlich in höhere Ligen gehören. "Ich hab einfach gehofft, dass mich keiner trifft", witzelte Haase nach dem Spiel, "und dann war der Ball halt da." Trainer Dickschat blieb an der Seitenlinie stoisch. Er wechselte klug, brachte in der 56. Minute den jungen Eduardo Henrico für Verteidiger Prinz und später den flinken Otto Fritsch, um das Ergebnis über die Zeit zu bringen. Eine offensiv wirkende Maßnahme, die am Ende defensiv goldrichtig war. Darmstadt versuchte es bis zum Schluss, doch Linx blieb gefährlich. Besonders Robert Jahn, der mit drei Schüssen in der zweiten Halbzeit immer wieder für Unruhe sorgte, war der ständige Stachel im Spiel der Lilien. "Der Typ ist wie eine Mücke im Schlafzimmer", stöhnte ein Darmstadt-Fan auf der Tribüne - und traf damit den Ton des Abends. Am Ende standen zwölf Torschüsse für Linx und sechs für Darmstadt. Eine Statistik, die das Spiel ehrlicher beschreibt als jede Trainerfloskel. "Wir waren bemüht, aber nicht entschlossen", fasste ein frustrierter Harald Wilhelm zusammen, während Linx’ Nachwuchsheld Wagner im Hintergrund auf den Schultern seiner Teamkollegen verschwand - vermutlich der erste 17-Jährige, der in Darmstadt an einem Freitagabend mehr gefeiert wurde als jeder DJ. Vielleicht war es also nicht nur ein Sieg für Linx, sondern auch einer für die Unbekümmertheit. Darmstadt hatte mehr Ball, mehr Erfahrung, mehr Routine - aber Linx hatte einfach mehr Mut. Und Mut, das zeigte sich wieder einmal, ist im Fußball manchmal das, was am lautesten im Netz landet. Ein augenzwinkerndes Fazit? Darmstadt spielte wie ein Orchester ohne Trompeter: harmonisch, aber ohne Durchschlagskraft. Linx dagegen traf die richtigen Töne - und ließ die Gastgeber mit schal klingenden Akkorden zurück. 18.07.643993 18:00 |
Sprücheklopfer
Da wir nicht voll auf Niederlage spielen, spielen wir voll auf Sieg.
Berti Vogts