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Der Mittwochabend in Linx war einer dieser Fußballabende, an denen die Statistik ein Märchen erzählt, das mit der Realität wenig zu tun hat. Lamstedt hatte 55 Prozent Ballbesitz, spielte ordentlich, kombinierte gefällig - und verlor trotzdem mit 0:2. Der SV Linx dagegen zeigte, dass Effektivität im Fußball immer noch mehr zählt als das schönste Passspiel. 4867 Zuschauer im kleinen Stadion am Rhein erlebten einen Start, der so gar nichts mit Abtasten zu tun hatte. Schon in der 8. Minute rauschte der 18-jährige Rechtsverteidiger Andreas Menzel in den Strafraum, als hätte er vergessen, dass Verteidiger eigentlich hinten bleiben sollen. Nach einem feinen Zuspiel von Routinier Bernt Kühne drosch Menzel den Ball unter die Latte - 1:0. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste der Youngster später, "aber der Ball hatte wohl andere Pläne." Trainer Michal Dickschat kommentierte trocken: "Wenn er das als Flanke geplant hat, soll er’s bitte weiter so machen." Lamstedt wirkte kurz geschockt, fand dann aber ins Spiel. Albert Guerrero prüfte Linx-Keeper Oscar Haase nach 24 Minuten mit einem satten Schuss, doch der Torhüter lenkte den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte. "Haase war heute mehr Katze als Mensch", murmelte ein Zuschauer auf der Tribüne, während die Gäste zwar gefällig spielten, aber vor dem Tor harmlos blieben. Dann kam Minute 37 - und wieder war Bernt Kühne der Ausgangspunkt. Der 33-Jährige, der den Jüngeren auf dem Platz läuferisch vielleicht ein paar Meter hinterherhinkt, machte das mit Übersicht und Timing wett. Sein Steckpass fand den 19-jährigen Detlev Miller, der trocken ins lange Eck abschloss - 2:0. "Ich hab nur den Torwart angeschaut und gedacht: Jetzt oder nie", sagte Miller danach. "Ich hab mich für ’jetzt’ entschieden." Zur Halbzeit war die Partie eigentlich entschieden. Lamstedt hatte zwar mehr vom Ball, aber Linx hatte die Tore - und, wie es Trainer Dickschat später formulierte, "den klareren Plan im Chaos". Die zweite Hälfte begann mit Hoffnungsfunken für Lamstedt. Linus Wolf (47.) und Agemar Xuarez (51., 58., 68.) feuerten gleich mehrere Schüsse ab - doch entweder stand Haase im Weg oder das Zielgefühl war auf der Autobahn verloren gegangen. Hardy Hate, der Lamstedter Trainer, rang an der Seitenlinie mit sich - und mit der Realität. "Wenn Ballbesitz Tore wären, hätten wir gewonnen", knurrte er nach dem Spiel. "Aber leider zählt das Ding da vorne im Netz." Linx hingegen schaltete einen Gang zurück, ließ die Gäste laufen und konzentrierte sich auf Konter. Wolfgang Seitz hatte noch zwei gute Chancen (56. und 85.), verpasste aber das 3:0. In der 75. Minute wurde es kurz hitzig: Joshua Gebhardt, der erfahrene Innenverteidiger der Linxer, sah erst Gelb, dann binnen einer Minute Gelb-Rot. "Er wollte wohl nur früher duschen", witzelte Dickschat später. Trotz Unterzahl brachte Linx das Spiel souverän über die Zeit - Lamstedt rannte an, aber ohne Ertrag. Die Statistik am Ende: 10 Torschüsse für Linx, 7 für Lamstedt. 55 Prozent Ballbesitz für die Gäste, aber null Tore. Linx gewann 52 Prozent der Zweikämpfe - und vor allem das Spiel. "Manchmal ist Fußball eben einfach", meinte Bernt Kühne nach Schlusspfiff. "Ball rein, Ball raus, Punkte da." Und während die jungen Wilden von Linx mit Milchshakes auf ihren Sieg anstießen, sah man auf der anderen Seite Hardy Hate mit verschränkten Armen in die Nacht starren. Vielleicht dachte er an den Spruch, den man im Fußball so oft hört: Wer die Tore nicht macht, kriegt sie halt. In Linx gilt das offenbar immer noch. Und so bleibt vom 32. Spieltag der Regionalliga A die Erkenntnis: Erfahrung und jugendlicher Mut sind manchmal die beste Kombination - zumindest, wenn man Andreas Menzel und Detlev Miller heißt. Trainer Dickschat brachte es am Ende augenzwinkernd auf den Punkt: "Wir sind jung, wir sind wild, und manchmal wissen wir selbst nicht, warum’s klappt - aber Hauptsache, es klappt." Ein Abend, der Linx lachen ließ und Lamstedt ratlos zurückließ - und der Beweis, dass Ballbesitz allein noch nie ein Spiel gewonnen hat. 14.09.643993 14:55 |
Sprücheklopfer
Halten Sie Ihre Klappe und spielen Sie Fußball, Herr Basler!
Otto Rehhagel