// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war einer dieser Abende im Bremer Stadion, an denen man sich fragt, ob die Gäste überhaupt den Bus hätten auspacken müssen. 4656 Zuschauer sahen beim 15. Spieltag der Regionalliga D eine Vorstellung des SV Bremen, die phasenweise an eine Trainingseinheit erinnerte - allerdings an eine, bei der der Trainer sagt: "Heute spielen wir nur auf ein Tor." Das Ergebnis: 2:0, und das schmeichelte dem SV Steinbach beinahe. Schon nach sieben Minuten zappelte der Ball erstmals im Netz - und wer sonst könnte es gewesen sein als Joshua Kunkel, der 19-jährige linke Wirbelwind, der derzeit in Bremen als eine Mischung aus Straßenkicker und Wunderkind gilt. Nach einem Pass des erfahrenen Agemar Bischoff nahm Kunkel Maß, schlenzte den Ball ins lange Eck und riss dabei gleich eine ganze Reihe Sitzplätze von der Statik der Tribüne: vor Begeisterung hüpfende Fans. Trainer Lennard Schultz grinste später: "Ich hab ihm vor dem Spiel gesagt, er soll ruhig mal frech sein. Ich glaub, er hat mich etwas zu wörtlich genommen." Nur vier Minuten später legte der SV Bremen nach - und diesmal traf ausgerechnet ein Abwehrspieler. Alfonso Velasco, eigentlich als linker Verteidiger beauftragt, hinten dicht zu machen, stand nach einer butterweichen Flanke von Juri Prjaschnikow plötzlich frei vor Steinbachs Keeper Fabian Schmitz. Der Rest war Formsache: 2:0 nach elf Minuten, die Partie praktisch entschieden. Ab da spielte Bremen wie auf dem Trainingsplatz. 61,9 Prozent Ballbesitz, 17 Schüsse aufs Tor - ein Wert, der eher nach Bundesliga klang als nach Regionalliga-Abend. Steinbach kam in der gesamten Partie auf drei Torversuche, von denen zwei mehr nach "Verzweiflung" als nach "Abschluss" aussahen. "Wir wollten über Konter kommen", erklärte Steinbachs Trainer Martin Schmittel nach dem Spiel mit stoischer Ruhe, "aber leider braucht man dafür den Ball." Tatsächlich ließ Bremen den Gästen kaum Luft zum Atmen. Der Ball lief, als hätte er einen eigenen Stadtplan von Bremen. Bischoff, der 34-jährige Regisseur im Zentrum, verteilte die Bälle mit einer Gelassenheit, die nur Spieler haben, die schon alles gesehen haben. Seine Gelbe Karte in der 92. Minute nahm er mit einem Achselzucken: "Da hatte ich einfach keine Lust mehr, noch hinterherzulaufen." Einziger Wermutstropfen: Matthias Schuster, der rechte Mittelfeldmann, sah erst Gelb (44.) und dann Gelb-Rot (62.). "Die zweite war völlig unnötig", knurrte Trainer Schultz. "Er hat vergessen, dass Schiedsrichter Ohren haben." Trotzdem brachte der Platzverweis keine Gefahr - Bremen blieb dominant, nur die Fans mussten sich mit zehn Mann auf dem Feld und etwas weniger Spektakel begnügen. Steinbach versuchte zwar, mit frischen Kräften etwas zu bewegen - drei Wechsel zwischen der 58. und 72. Minute brachten aber kaum mehr als neue Frisuren auf den Platz. Der eingewechselte Richard Labant hatte kurz vor Schluss eine Halbchance, aber Bremens Torhüter Vitali Koroljuk musste sich kaum die Handschuhe schmutzig machen. In der Schlussphase durfte der Bremer Nachwuchs noch ein paar Kunststücke zeigen: Kunkel, wieder er, prüfte Schmitz in der 96. Minute mit einem satten Schuss, der Keeper parierte immerhin sehenswert. Der Rest war Schaulaufen - und Standing Ovations. "Wir haben das heute kontrolliert gespielt", meinte Schultz, "manchmal wünscht man sich, dass die Jungs ein bisschen schlampiger sind, damit ich wenigstens was zu meckern hab." Kollege Schmittel dagegen suchte Trost in der Philosophie: "Wir sind jung, wir lernen. Heute haben wir gelernt, dass man ohne Ball kein Tor schießen kann." Fazit: Der SV Bremen hat mit jugendlichem Elan und taktischer Reife bewiesen, dass in dieser Regionalliga mit ihnen zu rechnen ist. Joshua Kunkel (19) und Herbert Falk (ebenfalls 19) wirbelten die Steinbacher Abwehr durcheinander, während Routinier Bischoff im Mittelfeld den Taktstock schwang. Und wer genau hinsah, konnte nach Abpfiff ein Lächeln bei Torwart Koroljuk entdecken - er hatte einen dieser seltenen Arbeitstage erlebt, an denen der Kaffeebecher auf der Linie mehr Bewegung sah als der Ball. Ein augenzwinkerndes Schlusswort: Wenn Bremen so weitermacht, sollte man vielleicht schon mal die Regionalliga-Karte aktualisieren - ihr nächstes Ziel scheint klar: Richtung Aufstieg, mit einem Teenager-Sturm, der sich offenbar vorgenommen hat, das Erwachsenwerden noch ein Jahr zu verschieben. 30.11.643990 13:40 |
Sprücheklopfer
Es gibt jetzt gerade überall auf anderen Pressekonferenzen Trainer, die denselben Käse erzählen wie ich.
Rudi Völler