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Ein lauer Winterabend, 3976 Zuschauer im Homberger Stadion und zwei Mannschaften, die sich offenbar vorgenommen hatten, die Kunst des "Fast-Gewinnens" zu perfektionieren. Am 10. Spieltag der Regionalliga B trennten sich der FC Homberg und der FC Wusterwitz in einem wilden, aber nie wirklich klaren Spiel mit 2:2 (1:1). Schon die ersten Minuten machten klar, dass sich hier zwei Teams nichts schenken würden. Wusterwitz begann forsch, ließ den Ball laufen, als hätte Trainer Tom Fritz seinen Jungs Espresso intravenös verabreicht. Und tatsächlich dauerte es nur 14 Minuten, bis sich der erste Geistesblitz in Zählbares verwandelte: Rechtsverteidiger Carl Schindler rauschte nach vorne, bekam den Ball vom 17-jährigen Luca Philipp aufgelegt und drosch ihn mit der Selbstverständlichkeit eines Torjägers ins Netz. 0:1, und Hombergs Torwart Marc Berthier sah dem Leder hinterher, als überlege er noch, ob er sich wirklich schmutzig machen sollte. Doch Homberg wäre nicht Homberg, wenn es nicht im entscheidenden Moment den jugendlichen Leichtsinn seiner Offensive gäbe. Kurz vor der Pause, in der 45. Minute, zischte Noah Linney die Linie entlang, flankte butterweich - und der 18-jährige Herbert Lindblom schraubte sich hoch, als habe er Sprungfedern in den Stutzen. Kopfball, Tor, 1:1. "Ich hab gar nicht gesehen, dass der reingeht", grinste Lindblom später, "ich wollte eigentlich nur den Rasen testen." Trainer Fridolin Von Zahn, ein Mann mit Hang zum gepflegten Understatement, kommentierte das eher trocken: "Wir haben das getan, was man in so einer Situation tut: Wir haben den Ball ins Tor geschossen." Die Pause brachte dann gleich zwei Wechsel bei den Hombergern - Jugend forscht: Der 17-jährige Joan Zorrilla kam ins Mittelfeld, und Nael Aznar durfte auf links ran. Die zweite Halbzeit begann mit einem Paukenschlag: Nur zwei Minuten nach Wiederanpfiff prügelte Patrick Hofmann, eigentlich Linksverteidiger im Nebenberuf, den Ball nach Flanke von Harald Meissner kompromisslos unter die Latte. 2:1 - und plötzlich roch es nach Heimparty. Wusterwitz aber hatte noch lange nicht genug. Das Team von Tom Fritz, taktisch offensiv eingestellt, ließ sich weder vom Rückstand noch von der lautstarken Homberger Fankurve beeindrucken. Zwischen der 60. und 70. Minute rollte Angriff um Angriff auf das Homberger Tor. Insgesamt 18 Torschüsse zählte die Statistik für die Gäste - das war fast doppelt so viel wie bei den Gastgebern, die mit 11 Versuchen bescheidener blieben. Und so kam, was kommen musste: In der 71. Minute legte der eingewechselte Youngster Nico Behrendt quer, und Hanns Konrad, 21 Jahre jung, traf trocken zum 2:2. "Das war ein Pass wie im Lehrbuch - nur dass ich das Buch noch nicht gelesen hab", lachte der Torschütze später in der Mixed Zone. Danach wurde es hitzig. Der erfahrene Denis Kalaschnikow von Wusterwitz sah Gelb für ein Foul, das man auch als Bewerbung für den Judoverein hätte werten können. Später erwischte es Hombergs Linney ebenfalls - offenbar hielt er die Regel "Ball spielen, nicht Beine" für eine bloße Empfehlung. Die Schlussphase gehörte dann wieder Homberg. Coach Von Zahn warf alles nach vorne, ließ auf volles Pressing umstellen, die Taktiktafel glühte. "Ich wollte, dass sie pressen, nicht dass sie atemlos umfallen", murrte er nach dem Spiel. Doch trotz aller Bemühungen blieb es beim 2:2. Ein Remis, das keiner so recht einordnen konnte. Wusterwitz hatte mehr Abschlüsse, Homberg etwas mehr Ballbesitz (51 Prozent) - eine dieser Begegnungen, nach der beide Trainer gleichzeitig zufrieden und unzufrieden aussehen. "Wir hätten das Ding nach Hause bringen müssen", sagte Tom Fritz, "aber dann hätten wir ja was zu verlieren gehabt." Fridolin Von Zahn fasste es gewohnt philosophisch zusammen: "Wenn man zweimal trifft und trotzdem nicht gewinnt, dann war’s wohl kein Schachspiel." Das Publikum verabschiedete beide Teams mit höflichem Applaus und der unausgesprochenen Hoffnung, dass das Rückspiel vielleicht weniger Nerven kostet. Oder wenigstens mehr Tore bringt. Und so endete ein Abend, an dem sich Jugend und Erfahrung, Tempo und Chaos, Latte und Pfosten die Hand gaben. Ein gerechtes 2:2 - oder, wie ein Homberger Fan auf dem Heimweg meinte: "War eigentlich ganz schön. Aber schön reicht halt nicht für drei Punkte." 03.05.643987 13:15 |
Sprücheklopfer
Ihre Laufbereitschaft kommt nicht zum Tragen, weil sie nicht wissen wohin.
Günter Netzer