// Startseite
| World Soccer |
| +++ Sportzeitung für internationale Wettbewerbe +++ |
|
|
|
25508 Zuschauer im frostigen Stadion an der Newa bekamen am Freitagabend eine Partie serviert, die anfangs nach Winterruhe schmeckte, zum Schluss aber zu einem heißen Konferenz-Krimi wurde. Der FC St. Petersburg besiegte die Holyhead Blues mit 2:1 (1:1) und durfte sich dabei auf einen Innenverteidiger verlassen, der plötzlich wie ein Mittelstürmer agierte. Schon nach wenigen Minuten war klar: Die Russen würden das Spiel an sich reißen, aber die Blues kamen als Gäste, um die Party zu ruinieren. In der 13. Minute war es Rostislaw Swetlow, der ausgerechnet in seiner Lieblingsminute traf - ein trockener Abschluss aus spitzem Winkel nach Pass von Nikolaj Saprykin. Der Ball zappelte im Netz, Swetlow breitete die Arme aus, als wolle er sagen: "Seht her, ich kann’s noch." Doch wer glaubte, dass das Spiel damit entschieden wäre, kennt die Blues nicht. Die Männer aus Wales - oder zumindest aus dem Ort, der klingt, als hätte J.K. Rowling ihn erfunden - hielten dagegen. Igor Skrtel, ein bulliger Rechtsaußen mit der Statur eines Rugbyspielers, glich in der 36. Minute aus, nachdem Tzipi Itzhaki die St. Petersburger Abwehr mit einem Pass durch die Beine von Quinter Speeck öffnete. 1:1, und plötzlich war das Stadion still, abgesehen vom britischen Anhang, der trotz minus drei Grad barfuß auf den Rängen tanzte. Die Statistik spricht zwar leicht für die Gastgeber - 52,8 Prozent Ballbesitz, neun Torschüsse -, doch die Blues waren gefährlicher: 13 Schüsse, viele davon knapp vorbei. Max Combe, normalerweise Innenverteidiger, prüfte den Torwart gleich zweimal, und Coach Jürgen Steinmetz raufte sich die Haare. "Wir machen alles richtig, außer das Tor", brüllte er Richtung Ersatzbank, was sogar der vierte Offizielle mit einem Grinsen quittierte. In der zweiten Halbzeit blieb das Spiel offen. Die Blues schoben das Pressing hoch, St. Petersburg antwortete mit kurzen Pässen und viel Geduld. Dann kam die 74. Minute, jene, die in die Clubgeschichte der Gastgeber eingehen könnte. Nach einer Ecke von Saprykin stieg Paul Olsen, eigentlich Innenverteidiger, im Strafraum hoch wie ein Turm aus Eis und wuchtete den Ball per Kopf ins Netz. 2:1 - und der Jubel war so laut, dass selbst die Möwen über der Newa kurz die Richtung verloren. "Ich wollte eigentlich gar nicht da vorne sein", gestand Olsen später lachend. "Aber Saprykin hat mich angeschrien, ich soll gefälligst was tun. Also bin ich halt hoch - und zack, drin." Trainer Martin Rudolf nickte zufrieden: "Das war typisch Paul. Wenn er vorne auftaucht, wird’s gefährlich - für beide Teams, aber diesmal für die richtigen." Die Blues versuchten danach alles, warfen in den letzten Minuten alles nach vorne. Steinmetz brachte Henry Madigan und später Andrew Callahan, die linke Seite glühte vor Einsatz. Doch Torwart Björn Thygesen, jung und unerschrocken, hielt seinen Kasten mit zwei Glanzparaden sauber. In der 92. Minute noch einmal Skrtel - doch der Ball landete in den Armen des Keepers. Gelbe Karten gab’s auch: Olsen (26.) und Da Cru (37.) sahen Gelb für rustikale Einsätze, die man auf russischem Boden wohl als "Begrüßungsritual" bezeichnet. Am Ende jubelte St. Petersburg, während die Blues enttäuscht aber erhobenen Hauptes vom Feld gingen. "Wir waren nah dran, aber Fußball ist kein Wunschkonzert", sagte Steinmetz und zog die Schultern hoch. "Außer vielleicht für Olsen." Martin Rudolf dagegen gönnte sich ein seltenes Lächeln: "So ein Sieg ist gut für die Seele. Und für die Tabelle sowieso." Ein Abend also, der zeigte: In der Conference League wird nicht nur gespielt, sondern auch gelitten, gejubelt und geflucht - manchmal alles in derselben Minute. Und irgendwo in Holyhead wird man sich noch lange an diesen Kopfball von Paul Olsen erinnern - vermutlich mit einem leisen Seufzer und einem Pint Ale in der Hand. 02.05.643987 11:47 |
Sprücheklopfer
Der soll ruhig sein, den mussten wir doch zwei Jahre lang durchschleppen!
Oliver Kahn über Lothar Matthäus