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Es war ein Finale, das an die Nerven ging - und an die Kondition. 59.000 Zuschauer im Azteca-Stadion erlebten am Freitagabend ein Drama in Blau und Weiß, bei dem am Ende Sporting Petare den silbernen Pokal der Copa Libertadores in den Nachthimmel reckte. 0:1 nach Verlängerung lautete das bittere Endergebnis aus Sicht von CD Cruz Azul, das sich zwar in Sachen Ballbesitz (60 %) und Torschüssen (14:10) als Herr im eigenen Haus präsentieren durfte, aber im entscheidenden Moment die Kaltschnäuzigkeit vermissen ließ. Das Spiel begann, wie viele Finals beginnen: mit viel Respekt, wenig Risiko - und der obligatorischen Portion Nervosität. Schon in der vierten Minute prüfte Rene Simard aus spitzem Winkel den venezolanischen Keeper Caio Maniche, der sich mit einer Flugeinlage Marke "National Geographic" in Szene setzte. Nur eine Minute später meldete sich Petare durch Georgi Putin zurück, der, trotz martialischen Namens, eher zärtlich auf das Tor zielte. "Ich hatte das Gefühl, wir spielen gegen einen Magneten im Tor", sagte Cruz Azuls Trainer Chucky Mandu später mit einem müden Lächeln. Und tatsächlich: Je länger das Spiel dauerte, desto mehr schienen seine Spieler von einem unsichtbaren Bann belegt. Silvestre Veloso scheiterte gleich dreimal (18., 28. und 61. Minute), Adam Matusiak drosch die Kugel in der 54. Minute über das Stadiondach, und Rene Simard winkte nach dem nächsten Fehlschuss nur noch entschuldigend Richtung Tribüne. Sporting Petare dagegen verließ sich auf seine bewährte Taktik: aggressiv, laufstark, offensiv - und mit einer Prise Wahnsinn. Trainer Marcel Skupzig hatte seine Elf von Beginn an auf Attacke eingestellt. "Wir wussten, dass Cruz Azul den Ball haben will. Wir wollten lieber das Tor", grinste er nach dem Spiel und zündete sich seelenruhig eine Zigarre an, als hätte er das Drehbuch selbst geschrieben. Die zweite Halbzeit brachte wenig Neues - außer dass die Gastgeber langsam die Geduld verloren. Mandu, sonst ein Mann der ruhigen Gesten, sprang in der 70. Minute nach einer Verletzung von Petare-Spieler Marc Oliveira wutentbrannt auf, weil der Schiedsrichter das Spiel nicht sofort unterbrach. "Wenn der Ball das einzige ist, was noch rollt, sollte man vielleicht pfeifen", schimpfte er später. Oliveira musste raus, Archie Rushton kam - und brachte frisches Chaos. Als die reguläre Spielzeit endete, hatte Cruz Azul 60 Prozent Ballbesitz, 12 Torschüsse und null Tore - ein statistisches Kunststück, das den heimischen Fans zunehmend den Glauben raubte. Die Verlängerung begann, wie der Abend: mit Hoffen, Bangen, und schließlich mit einem Schlag in die Magengrube. In der 97. Minute, die Beine schon schwer, die Köpfe leer, schlug Petare zu. Nach einer Ecke segelte der Ball durch den Strafraum, und ausgerechnet Innenverteidiger Oscar Stack - der Name passte zum Moment - stieg am höchsten und wuchtete das Leder per Kopf in die Maschen. Torwart Alkinoos Katranas streckte sich vergeblich, die Südtribüne verstummte, und irgendwo auf der Trainerbank von Petare stürzte Skupzig über seine eigene Wasserflasche. "Ich hab einfach die Augen zugemacht", gab Stack später lachend zu. "Vielleicht war das der Trick." Cruz Azul versuchte alles. Gallardo prüfte den frisch eingewechselten Ersatztorhüter Aaron Cromwell (99.), Veloso sah Gelb (111.), Klimowitsch auch (114.), und das Publikum sah mit jedem Pfiff der Uhr ein Stück Hoffnung zerrinnen. Als der Schlusspfiff kam, lagen die Spieler in Blau erschöpft auf dem Rasen, während Petare jubelnd in Richtung Kurve sprintete. "Fußball ist manchmal grausam - aber heute war er besonders kreativ", murmelte Mandu, bevor er in die Katakomben verschwand. Die Statistik erzählte eine andere Geschichte als das Ergebnis: mehr Ballbesitz, bessere Zweikampfquote (51:49), mehr Schüsse - aber kein Tor. Petare dagegen hatte, was in Finals zählt: einen Moment der Klarheit. "Wir haben nicht das schönere Spiel gemacht, nur das erfolgreichere", gab Skupzig zu. "Aber wer erinnert sich in zehn Jahren schon daran, wie es ausgesehen hat?" Ein Satz, der wahrscheinlich in Stein gemeißelt wird in Caracas, wo die Fans von Sporting Petare ihren Helden Oscar Stack wohl eine Statue hinstellen werden - und zwar mit geschlossenen Augen. Und Cruz Azul? Die werden sich fragen, wie man ein Finale verlieren kann, obwohl man fast alles richtig gemacht hat - außer eben das, was wirklich zählt. Doch trösten wir uns mit dem ewigen Satz des Fußballs: Nach dem Finale ist vor dem Wiederaufbau. 17.10.643993 18:45 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler