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Wenn an einem kalten Januarabend 8179 Zuschauer im Stadion am Autobahnkreuz die Hände reiben, dann liegt das nicht nur am Frost - sondern an einer Mannschaft, die Feuer fängt. Sportfreunde Lotte besiegten am 19. Spieltag der 3. Liga Deutschland den Hamburger ASV mit 4:0 und ließen dabei keinen Zweifel, wer an diesem Abend die Zügel in der Hand hielt. Es war ein Spiel, das gar nicht so einseitig hätte aussehen müssen - zumindest laut Statistik. 50 zu 50 Prozent Ballbesitz, das klingt nach Augenhöhe. Doch wer das Geschehen sah, wusste: Das war keine Gleichwertigkeit, das war höfliche Statistik-Kosmetik. Lotte feuerte 22 Torschüsse ab, Hamburg deren drei. Und während die Gäste aus der Hansestadt noch überlegten, ob sie eigentlich schon im Spiel angekommen waren, hatte Lottes Sturmschüler Luca Klaus längst den Turbo gezündet. Der 18-jährige Rechtsaußen eröffnete in der 36. Minute den Torreigen, als er nach feiner Ablage von Goran Tadic den Ball trocken ins lange Eck schob. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", grinste Klaus später, "ich wollte einfach mal gucken, ob’s klappt. Und es klappte!" - ein Satz, der vermutlich in der örtlichen Jugendakademie bald als Motto an der Wand hängen wird. Trainer Michael Klippel, sonst nicht für überschwängliche Emotionen bekannt, klatschte an der Seitenlinie sogar kurz in die Hände. "Das war die Belohnung für unseren Mut. Wir wollten offensiv bleiben, egal was passiert", sagte er nach dem Spiel - und verschränkte dabei die Arme so, als wollte er gleich wieder auf den Trainingsplatz. Nach der Pause kam Lotte mit unverändertem Offensivgeist zurück. Und kaum war die zweite Halbzeit richtig angelaufen, traf Rechtsverteidiger Harry Couture in der 55. Minute - nach Zuspiel von, na klar, Luca Klaus. Ein Abwehrspieler, der trifft, während die Stürmer applaudieren - das passte zum Abend. "Ich dachte zuerst, der Ball fliegt in die Bäckerei hinterm Stadion", witzelte Couture später, "aber irgendwie war da wohl eine unsichtbare Hand im Spiel." Hamburgs Trainer, der die Hände tief in der Jackentasche vergraben hatte, sah es etwas anders. "Wir waren eigentlich gar nicht so schlecht", murmelte er in die Mikrofone, "nur leider immer einen Schritt zu spät." Einen Schritt, und manchmal auch ein ganzes Tor. Denn in der 68. Minute war es Bengt Pettersson, der bullige Innenverteidiger, der nach einer Ecke zum 3:0 einköpfte - wieder mit Beteiligung des hyperaktiven Luca Klaus. Das Stadion vibrierte, und man konnte fast hören, wie irgendwo in Lotte jemand das Wort "Aufstieg" vorsichtig in den Nachthimmel flüsterte. Spätestens in der 86. Minute war die Messe gelesen. Luca Klaus, der Teenager, der an diesem Abend aussah, als sei er in seiner eigenen Highlight-Show gelandet, traf erneut. Diesmal nach Vorarbeit von Age Berg. 4:0 - und die Zuschauer standen, klatschten, lachten. "Der Junge spielt, als hätte er nie was anderes gemacht", sagte Mitspieler Tadic stolz. Hamburg dagegen wirkte, als wolle man einfach nur noch den Bus starten. Drei kümmerliche Schüsse aufs Tor, kaum Druck, kein Pressing - das war ein Abend zum Vergessen. Torwart Mike Leblanc, der trotz vier Gegentoren bester Hamburger war, winkte ab: "Ich hab versucht, das Tor kleiner zu machen, aber das hat wohl keiner gemerkt." Lottes Mannschaft zeigte dagegen, dass Offensive manchmal die beste Verteidigung ist. Kein wildes Pressing, kein übertriebener Einsatz, einfach kontrollierte Spielfreude. 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe, ein ruhiger Spielaufbau und das Gefühl, dass hier eine Mannschaft zusammenwächst. Als der Schiedsrichter abpfiff, grinste Trainer Klippel noch immer. "Wenn man vier Tore schießt und der Gegner trotzdem fast gleich viel Ballbesitz hat, dann hat man’s wohl richtig gemacht." Und irgendwo auf der Tribüne, zwischen dampfendem Glühwein und klammen Fingern, rief ein Fan: "Der Klaus soll bleiben, bis er 40 ist!" - ein Satz, der an diesem Abend niemandem übertrieben vorkam. Vielleicht war es nur ein Spiel in der 3. Liga. Aber es fühlte sich an wie ein Statement: Lotte lebt, lacht und trifft. Und wenn sie so weitermachen, könnte man bald sagen - hier wird nicht nur Fußball gespielt, hier wird Freude produziert. So endete ein Abend, der zeigte, dass Statistik lügen kann, Leidenschaft aber nie. 05.09.643987 19:07 |
Sprücheklopfer
Wunderschön, mit dem Außenspann, teilweise mit dem Vollspann.
Günter Netzer