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Es war ein Abend, an dem die Fans der North York Stars ihre Sitzplätze kaum benutzten - nicht, weil sie unbequem gewesen wären, sondern weil sie schlicht keine Zeit dazu hatten. Sechs Tore, ein Teenager als Doppeltorschütze, und ein Quebec-Team, das sich nach einer trostlosen ersten Halbzeit wie Phönix aus der Asche erhob: Das 3:3 zwischen den Stars und den Quebec Blues am 26. Spieltag der 1. Liga Kanada war Werbung für den Fußball - oder zumindest für Herztabletten. Schon nach 15 Minuten hatten die Blues das erste Wort. Ausgerechnet Innenverteidiger Christophe Beyince, sonst eher für rustikale Grätschen zuständig, köpfte eine Flanke von Rechtsverteidiger Nuno Antunes unhaltbar ins Netz. 1:0 - und Coach Gerd Froebe grinste zufrieden wie ein Mann, der heimlich wusste, dass sein Abwehrspieler auch Offensivtalent besitzt. "Wir üben das seit Wochen im Training - nur wusste Christophe das selbst nicht", witzelte Froebe später. Doch North Yorks Antwort kam prompt - und in Gestalt eines 18-jährigen Wunders. Robert Winfield, kaum alt genug, um den Mannschaftsbus zu fahren, traf in der 22. Minute nach einem energischen Solo zum Ausgleich. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass keiner ruft, ich soll passen", lachte der Jungstürmer nach der Partie. Und dann ging’s Schlag auf Schlag. Zwei Minuten später dröhnte das Stadion erneut: Billy Bourgeois, eigentlich Innenverteidiger, wuchtete den Ball nach einer Ecke ins Tor. 2:1! Und als Winfield in der 29. Minute noch einmal zuschlug - diesmal nach feiner Vorarbeit von Henry Charpentier - schien das Spiel entschieden. 3:1, die Blues wackelten, die Fans tanzten, und Trainer Axel Foley sah aus, als wolle er gleich zur Siegeszigarre greifen. "Wir hatten sie da, wo wir sie wollten", sagte Foley später, "aber offenbar wollten sie da nicht bleiben." Denn nach der Pause veränderte sich alles. Quebec kam wie ausgewechselt aus der Kabine, während North Yorks Defensivlinie eher an eine offene Tür erinnerte. 54. Minute: Evan Reid, der flinke Rechtsaußen, zog von außen nach innen und versenkte den Ball eiskalt - 3:2. "Ich dachte, er will flanken", murmelte Stars-Keeper Alexander Badham hinterher, "aber offenbar dachte der Ball was anderes." Und dann kam Minute 63. Greger Berglund, gerade noch übermotiviert und leicht fahrig, fasste sich ein Herz - und traf nach Zuspiel von Michel Bernheim zum 3:3. Quebec jubelte, die 25.000 Zuschauer rieben sich die Augen, und Foley trat wütend gegen eine Trinkflasche, die prompt den vierten Offiziellen traf. Die Schlussphase war ein offener Schlagabtausch. Die Stars hatten mit 54,6 Prozent Ballbesitz zwar mehr vom Spiel, doch Quebec feuerte mit 16 Torschüssen deutlich häufiger aufs Tor als die Heimelf (11). Besonders Bernheim prüfte Badham mehrfach, während Bourgeois hinten wie vorne ackerte. In der 90. Minute hatte der Innenverteidiger gar die Riesenchance zum Siegtreffer, köpfte aber knapp drüber. Foley sank auf die Knie - halb aus Verzweiflung, halb aus Erleichterung. "Wenn man 3:1 führt und am Ende 3:3 spielt, fühlt es sich an wie eine Niederlage", sagte der Stars-Trainer nach Abpfiff. "Aber ich bin stolz, dass wir wenigstens nicht 3:4 verloren haben." Froebe dagegen grinste breit: "Wir waren in der ersten Halbzeit Blues, in der zweiten Rock’n’Roll." Das Spiel war nicht nur ein Torfestival, sondern auch eine taktische Achterbahnfahrt. Beide Teams starteten offensiv, doch während North York im Verlauf auf volles Risiko schaltete - am Ende mit aggressivem Pressing und Kurzpassspiel -, blieb Quebec seiner ausgewogenen Linie treu. Es war, als hätten die Blues einfach beschlossen, geduldig zu warten, bis die Stars sich selbst überholen. Als der Schlusspfiff ertönte, applaudierten selbst die neutralen Zuschauer. Ein 3:3, das keiner so recht einordnen konnte - zu wild für Statistikfreunde, zu schön für Zyniker. Vielleicht war genau das das Geheimnis dieses Spiels: zwei Mannschaften, die lieber alles riskieren, als stillzustehen. Oder, wie Robert Winfield mit einem schelmischen Lächeln sagte: "Wenn ich in zehn Jahren mal ein richtiger Profi bin, erzähl ich meinen Enkeln von heute - und sag ihnen, ich hätte sogar das vierte gemacht." Axel Foley verdrehte daraufhin die Augen. "Er ist 18. In zehn Jahren soll er bitte noch Fußball spielen - und nicht Enkel haben." Ein Abend voller Tore, Lacher und leichter Verzweiflung. Und das Publikum? Ging nach Hause - erschöpft, aber glücklich. 16.11.643987 01:09 |
Sprücheklopfer
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