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Wenn man ein Fußballspiel erfinden müsste, um den Begriff "Tor-Festival" zu illustrieren, man käme wohl nicht weit über das hinaus, was sich am Freitagabend im Stollberger Stadion zutrug. 14.398 Zuschauer trotzten der Januarkälte, um Zeugen eines 3:3 zu werden, das alles hatte - außer Langeweile. Schon nach zehn Minuten bebte die Tribüne: Gerritt Groesbeck, der Mann mit der Ruhe eines Uhrmachers und der Präzision eines Chirurgen, drosch den Ball nach feinem Zuspiel von Heinrich Ludwig aus 18 Metern ins rechte Eck. "Ich hab einfach mal draufgehalten", grinste Groesbeck später, "und gehofft, dass er nicht beim Parkplatz landet." Tat er nicht - stattdessen zappelte das Netz. Fortuna Chemnitz, anfangs etwas überrascht von Stollbergs forscher Offensive, brauchte rund 20 Minuten, um sich zu sortieren. Dann allerdings zeigten sie, warum Trainer Maik Oberländer seine Jungs gerne "die unermüdlichen Fortunen" nennt. In der 34. Minute segelte eine Flanke von Bernard Bureau aus dem rechten Halbfeld, und Lewis McGowan, 33 Jahre jung, sprang höher als alle anderen, köpfte wuchtig ein - 1:1. "So macht man das in Schottland", brüllte er Richtung Gästeblock, während Oberländer an der Seitenlinie genüsslich in seine Thermoskanne grinste. Nach der Pause ging’s weiter, als hätte jemand das Drehbuch auf "Wahnsinn" gestellt. Kaum waren die Bratwürste der Halbzeitpause verdaut, traf Chemnitz erneut: Stephane Dumont, der 23-jährige Franzose, stocherte den Ball nach Vorarbeit von William Reacock über die Linie (48.). Fortuna jubelte - aber genau zwei Minuten später stellte Stollbergs Heinrich Ludwig mit einem herrlichen Flachschuss den Gleichstand wieder her. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", meinte Fortuna-Verteidiger Deco später zerknirscht, "aber Ludwig dachte wohl anders." Und Stollberg dachte überhaupt gar nicht ans Nachlassen. Inigo Hernandez, der bullige Mittelstürmer der Gastgeber, belohnte die Angriffslust mit dem 3:2 in der 54. Minute. Wieder war Groesbeck beteiligt, diesmal als Vorbereiter. Trainer Wei To, sonst ein eher stoischer Typ, riss die Arme hoch und brüllte etwas, das entfernt nach "¡Vamos!" klang. Doch wer glaubte, Chemnitz würde sich ergeben, unterschätzte deren Zähigkeit. Adriano Goncalves, der Routinier im Mittelfeld, verwandelte in der 72. Minute eiskalt nach Vorarbeit des eingewechselten Ermin Kolarov. 3:3 - und alles wieder offen. In den letzten Minuten drängten beide Teams auf den Sieg, aber Fortuna-Keeper Xavier Eusebio und sein Gegenüber Fernando Navarro hielten, was zu halten war. Die Statistik unterstrich das Spektakel: 14 Torschüsse für Stollberg, 13 für Chemnitz, Ballbesitz fast ausgeglichen (50,6 zu 49,4 Prozent). Auch die Einsatzfreude war beiderseits bemerkenswert - allerdings teilte Schiedsrichter Grunert zwei Gelbe Karten an Chemnitz aus, für Xabi Deco (65.) und Filipe Couto (75.), der sich lautstark über ein vermeintliches Foul beschwerte. "Ich wollte nur den Ball streicheln", sagte Couto später mit einem Augenzwinkern. Taktisch setzten beide Trainer auf Offensive - und das war zu spüren. Wei To ließ seine Mannschaft in einer mutigen Ausrichtung agieren, ohne Pressing, aber mit viel Kombinationsfreude. Oberländer hielt dagegen, zunächst abwartend, später mit vollem Pressing und starkem Einsatz. Als in der 90. Minute Chemnitz alles nach vorne warf, rief Oberländer seinem Team noch zu: "Einer geht noch!" - aber der eine ging eben nicht mehr. Nach Abpfiff standen beide Trainer nebeneinander, als hätten sie gemeinsam ein Kunstwerk geschaffen. "Das war Werbung für den Fußball", sagte Wei To, "und für meine Nerven eine Katastrophe." Oberländer lachte: "Wenn man sechs Tore sieht, darf man auch mal zufrieden sein - auch wenn’s keiner gewinnt." So endete ein Abend, der in Stollberg sicher noch lange Gesprächsstoff liefern wird. Die Fans gingen mit roten Nasen, aber breitem Grinsen nach Hause. Und irgendwo in der Dunkelheit hörte man einen Stollberg-Fan sagen: "Wenn jedes Unentschieden so aussieht, nehm ich die gerne mit." Ein Spiel, das keinen Sieger fand, aber dafür viele Gewinner - zumindest jene, die es gesehen haben. 20.04.643987 05:57 |
Sprücheklopfer
Das Spielfeld war zu lang für Doppelpässe.
Berti Vogts