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Wenn 40.745 Zuschauer im Sammy-Ofer-Stadion gemeinsam den Atem anhalten, dann weiß man: In Haifa brennt wieder der Fußball. Und wie! Beim 3:3 zwischen Maccabi Haifa und Tirat Carmel FC am 4. Spieltag der 1. Liga Israel wurde das runde Leder behandelt, als gäbe es kein Morgen - sechs Tore, zwölf Torschüsse pro Team, und ein Abend, der Trainer, Fans und Reporter gleichermaßen ins Grübeln brachte. "Ich weiß selbst nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll", seufzte Haifas Trainer David Goldmann nach dem Schlusspfiff. "Drei Tore zuhause müssen eigentlich reichen. Aber eben nicht, wenn man hinten den Tag der offenen Tür veranstaltet." Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen - oder besser: so spektakulär. Schon in der 25. Minute zeigte Tirat Carmel, dass sie nicht nur gekommen waren, um die Aussicht auf die Mittelmeerküste zu genießen. Isidoro Oliveira, dieser quirlige Mittelstürmer mit dem verschmitzten Lächeln, traf nach einem butterweichen Zuspiel von Ansgar Henriksson ins lange Eck. 0:1. Haifa wackelte. Doch wer Haifa kennt, weiß: Wackeln ja, fallen nein. Sechs Minuten später zündete Diego Espriu, der 22-jährige Wirbelwind auf der linken Seite, den Turbo. Nach feinem Zuspiel von Gal Levinger nagelte er den Ball kompromisslos unter die Latte - 1:1. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber dann war er plötzlich im Netz", grinste Levinger später. Nur eine Minute danach drehte Haim Pizanti die Partie. Der Rechtsverteidiger (!) hatte offenbar beschlossen, Stürmer zu spielen - und tat das mit beängstigender Konsequenz. Nach Vorlage von Tal Arens jagte er den Ball aus 16 Metern in die Maschen. 2:1, das Stadion bebte. Aber Tirat Carmel wäre kein echter Derbygegner, wenn sie sich einfach ergeben würden. Kurz vor der Pause, in der 39. Minute, schlug Ricardo Gutierrez zurück - ein Rechtsverteidiger, der das Wort "Verteidiger" offensichtlich als Vorschlag versteht. Nach Vorarbeit von Espen Brinkerhoff traf er flach ins rechte Eck. 2:2, und die Fans rieben sich die Augen. Doch Haifa hatte noch eine Antwort - und was für eine! Nur eine Minute später, man konnte kaum Luft holen, brachte Gal Levinger die Gastgeber wieder in Führung. Mit einem eleganten Schlenzer nach Vorlage von Laurens Dorland sorgte er für das 3:2-Halbzeitergebnis. "Ich habe einfach draufgehalten", meinte Levinger hinterher, "und gehofft, dass der Ball macht, was ich will. Zum Glück hat er zugehört." In der zweiten Halbzeit flachte das Spektakel nur kurz ab - wohl auch, weil beide Trainer beim Pausentee kräftig die Stirn runzelten. Goldmann gestikulierte wild, als wolle er seine Spieler per Fernsteuerung dirigieren, während Babsi Klemm, die resolute Coachin von Tirat Carmel, mit verschränkten Armen und einem Blick aus Granit am Spielfeldrand stand. "Ich habe ihnen gesagt: Wenn ihr schon alles auf Angriff stellt, dann bitte mit Stil", erzählte sie später schmunzelnd. Ihre Worte fruchteten. Tirat Carmel erhöhte den Druck, rannte, biss, spielte mutig über die Flügel - und wurde in der 85. Minute belohnt. Wieder war es Oliveira, der nach Flanke von Adriano Figo goldrichtig stand und zum 3:3 einköpfte. "Ich wollte eigentlich in die andere Ecke köpfen", gab er lachend zu, "aber der Ball hat entschieden, dass es diese sein soll." Zwei Gelbe Karten - Robert Catalano (35.) und Adriano Figo (76.) - konnten das muntere Treiben kaum bremsen. Beide Teams spielten weiter mit offenem Visier, als gäbe es keine Abwehrreihen mehr. Die Statistik spiegelt das Chaos perfekt wider: 12 Torschüsse pro Seite, Ballbesitz nahezu ausgeglichen (50,6 % zu 49,4 %), Tacklingquote ebenfalls pari. Ein Spiel, wie es die Mathematik hasst, aber die Fans lieben. Beim Verlassen des Stadions hörte man einen älteren Fan sagen: "Das war kein Fußballspiel, das war eine Achterbahnfahrt ohne Sicherheitsbügel." Treffender kann man diesen Abend kaum beschreiben. "Wir haben Moral gezeigt", bilanzierte Coach Klemm mit einem zufriedenen Nicken, während Goldmann daneben nur murmelte: "Und wir haben Moral verloren." Beide hatten recht. Am Ende blieb ein 3:3, das sich anfühlt wie Sieg und Niederlage zugleich - wie ein lauer Abend am Mittelmeer, an dem man nicht weiß, ob man schwitzen oder frieren soll. Und irgendwo in Haifa schüttelt wahrscheinlich noch immer jemand den Kopf und sagt: "Sechs Tore? Und keiner gewinnt?" Fußball kann eben manchmal einfach zu viel des Guten sein. 06.03.643987 04:57 |
Sprücheklopfer
Das ist absolut sekundär, ja tertiär, oder sogar quartiär!
Christoph Daum