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Wenn ein Februarkrimi in der 2. Liga Österreich den Begriff "offene Scheunentore" neu definiert, dann war es dieses Spiel: Zell am See gegen den FC Altach, 4:5, neun Tore, 22.528 Zuschauer, die sich wohl noch Tage später fragen, ob sie Zeugen eines Fußballspiels oder einer Theateraufführung geworden sind. Dabei begann alles so harmlos. Zwölfte Minute: Julian Schmidt, der bullige Linksaußen der Zeller, nimmt eine butterweiche Flanke von David Grimm direkt - und plötzlich steht’s 1:0. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste Grimm später, "aber Julian hat einfach draufgehalten. Typisch." Der Jubel auf den Rängen war noch nicht verklungen, da murmelte ein Altach-Fan hinter mir: "Na, das wird ja wieder ein langer Abend." Wie recht er behalten sollte. Denn Altach, trainiert vom stets pokerface-tragenden Jose Raul Capablanca, brauchte nur 13 Minuten, um auszugleichen. Der 17-jährige Thomas Geiger, ein Talent mit Milchbart und Killerinstinkt, verwandelte in der 25. Minute nach Vorarbeit von Ansgar Carlsen zum 1:1. "Ich hab einfach geschossen", sagte Geiger nach dem Spiel schulterzuckend. "Es war keine große Philosophie." Zur Pause stand es also 1:1, und die Statistik sprach eine klare Sprache: 56 Prozent Ballbesitz für Zell, aber Altach mit fast dreimal so vielen Torschüssen (19 insgesamt!). Capablanca kommentierte das nüchtern: "Ballbesitz ist wie Schach: schön, aber nutzlos, wenn man keine Figuren schlägt." Nach dem Seitenwechsel kam die Partie völlig von der Leine. In der 59. Minute brachte Radostin Asparuchow - eben erst eingewechselt - Altach in Führung. Zell am See konterte postwendend: Pol Caneira (66.) und wieder Julian Schmidt (67.) drehten das Spiel binnen 120 Sekunden auf 3:2. Das Stadion tobte. Einer der Balljungen soll gerufen haben: "Jetzt geht’s los!" - und das tat es tatsächlich. Denn Altach ließ sich nicht beeindrucken. Der 18-jährige Alessio Fiumefreddo glich in der 71. aus, als er eine verunglückte Abwehrkerze direkt abnahm - 3:3. Zell antwortete erneut: Carl Rocha traf in der 76. Minute nach Pass von Florian Linke zum 4:3. Trainer Müller (Zell) riss die Arme hoch, die Fans sangen, der Stadionsprecher überschlug sich. Doch Altach hatte noch zwei Pfeile im Köcher - und beide hießen Roland Ivana. Der 24-Jährige, der schon in der 81. Minute zum 4:4 traf (nach Vorlage Asparuchow), war in der Nachspielzeit endgültig der Sensenmann der Zeller Träume: 91. Minute, Vorlage Fiumefreddo, Tor Ivana. 5:4. Ende. "Ich hab einfach gehofft, dass der Schiri nicht mehr pfeift, bevor ich schieße", lachte Ivana später. "Vielleicht sollte ich Lotto spielen." Auf der anderen Seite saß Zells Torhüter Christopher Schlüter minutenlang fassungslos auf dem Rasen. "So viele Tore kassiere ich sonst in einem Monat, nicht an einem Abend", murmelte er. Bei all der Dramatik geriet fast in Vergessenheit, dass Zell am See die bessere Passquote und mehr Ballbesitz hatte - aber Altach mit gnadenloser Effizienz agierte. 19 Schüsse aufs Tor, fünf Treffer. Das nannte Capablanca später "ökonomischen Realismus". Sein Gegenüber Müller schüttelte nur den Kopf: "Wenn Schönheit Punkte gäbe, hätten wir gewonnen. Aber Fußball ist leider kein Ballett." Eine kleine Szene in der 41. Minute fasste den Abend zusammen: Zells Innenverteidiger Patrick Arnold sah Gelb, weil er nach einem Foul den Ball frustriert in den Nachthimmel drosch. Ein Fan rief: "Den hättest du mal aufs Tor schießen sollen!" - Gelächter auf der Tribüne, selbst Arnold grinste. So endete ein denkwürdiges Spiel, das weniger durch taktische Raffinesse als durch pure Spiellust glänzte. Zell spielte "balanced", Altach "offensive", aber am Ende war es reines Chaos - das gute, alte, ehrliche Fußballchaos, das man nicht trainieren kann. Beim Hinausgehen hörte man einen älteren Zuschauer murmeln: "Neun Tore, keine Verlängerung, das war mein Fitnessprogramm für diese Woche." Recht hat er. Und wer weiß - vielleicht trifft man sich bald wieder, irgendwo zwischen Bergsee und Adrenalinschub. Denn wenn Zell am See und Altach so weiterspielen, braucht die 2. Liga Österreich keine Werbung. Sie hat ihre eigene. 03.07.643990 17:20 |
Sprücheklopfer
Weisweiler und Happel sind tot, Hitzfeld ist bei den Bayern. RWO hat den besten Trainer, den man kriegen kann.
Aleksandar Ristic zur Trainerdiskussion in Oberhausen.