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Ein kalter Februarabend, Flutlicht in Pirmasens, 3.685 Zuschauer mit dicken Schals und noch dickerer Hoffnung: Der FK Pirmasens empfing am 13. Spieltag der Oberliga C den Gast aus dem Ruhrgebiet, Blau Weiß Bochum. Am Ende hieß es 1:1 - ein Ergebnis, das beide Mannschaften wohl mit einem "Na ja, immerhin nicht verloren" quittierten. Doch langweilig war’s keineswegs. Von Beginn an zeigte Bochum, dass man keine Lust auf Sightseeing in der Pfalz hatte. Schon nach einer Minute zwang Innenverteidiger Arne Richter Pirmasens-Keeper Dennis Frei mit einem wuchtigen Kopfball zu einer frühen Parade. Trainerin Gudrun Schweitzer rief von der Seitenlinie "Wach werden!", als hätte sie geahnt, dass ihr Team noch im Halbschlaf war. Die Gäste kombinierten sich mutig durch die Pirmasenser Hälfte, angetrieben vom unermüdlichen Rechtsaußen Gianfranco Benedetti, der seine Gegenspieler wie Slalomstangen stehen ließ. Die Hausherren dagegen brauchten gute 20 Minuten, um selbst einmal gefährlich zu werden. Alex Coviello prüfte Bochums Torwart Connor Irwin mit einem satten Schuss - der Keeper lenkte die Kugel mit den Fingerspitzen über die Latte. "Wenn der reingeht, sieht’s anders aus", sagte Coviello später und grinste dabei, als wüsste er selbst, dass er das in jedem Spiel sagt. Zur Pause stand es 0:0, und beide Trainer hatten sichtlich Redebedarf. Bochums Coach - der Name blieb geheimnisvollerweise im Presseraum ungenannt, vielleicht eine Taktik - schien zufrieden, während Schweitzer ihrem Team eine gehörige Portion Mut einimpfte. Das zahlte sich allerdings erst spät aus. Denn in der 65. Minute schlug Blau Weiß eiskalt zu. Herold Blood, der Name wie aus einem Heavy-Metal-Album, setzte sich auf links durch und legte quer. Valeri Kapustin, 31 Jahre, gestählt durch viele Winter in der Oberliga, vollendete mit der Abgebrühtheit eines Stürmers, der keine Fragen stellt. 0:1. Die Bochumer jubelten, die Pirmasenser schauten betreten. "Da war kurz die Luft raus", gestand Schweitzer hinterher. Doch wer Pirmasens kennt, weiß: Aufgeben ist hier keine Option. Nach dem Rückstand stellte Schweitzer von "balanced" auf "alles nach vorn" um - sinnbildlich wie taktisch. Die Ballbesitzquote kletterte auf 52 Prozent, die Torschussstatistik sprach ohnehin mit 17:13 für die Gastgeber. Nur das Tor fehlte. Dann kam die Nachspielzeit. Der Ball lief über Babinow, der einen dieser genialen Momente hatte, bei denen man sich fragt, warum er eigentlich in der Oberliga spielt. Ein kurzer Blick, ein präziser Pass - und Alexander Satchmore stand frei vor Irwin. Der Rest war pure Entschlossenheit: 1:1 in der 90. Minute! Das Stadion bebte, die Tribüne vibrierte, und irgendwo in der dritten Reihe fiel ein Bierbecher der Begeisterung zum Opfer. "Ich hab’ einfach draufgehalten, ehrlich gesagt", lachte Satchmore nach dem Spiel. "Kornej hat mir den Ball perfekt serviert. Ich musste nur noch Danke sagen." Eine Bescheidenheit, die man ihm nach diesem späten Treffer fast abnimmt. Natürlich blieb es nicht bei purem Jubel. In der Schlussphase wurde es hitzig - Gelb für Enrique da Costa (74.) und kurz darauf auch für Archie MacAlister (75.). "Da hat’s ein bisschen geknistert", sagte Gudrun Schweitzer später mit einem vielsagenden Lächeln. Statistisch gesehen war’s ein ausgeglichenes Duell: 17 zu 13 Torschüsse, 52 zu 48 Prozent Ballbesitz, fast identische Zweikampfwerte. Nur im Timing war Pirmasens etwas besser - und das reichte für den Punkt. Bochums Kapitän Kapustin zeigte sich nach dem Spiel diplomatisch: "Wir hätten gewinnen können, aber manchmal bekommt man eben, was man verdient: einen Punkt." Sein Trainer fügte hinzu: "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber Fußball ist eben kein Schach. Und Pirmasens hat den letzten Zug gemacht." Für das Publikum war’s ein Abend zwischen Nervenkitzel und Frust, zwischen kalten Füßen und warmem Applaus. Und als die Lichter im Stadion ausgingen, hörte man noch einen Zuschauer sagen: "So ein 1:1 fühlt sich manchmal wie ein Sieg an." Vielleicht war das das treffendste Fazit. Pirmasens rettete spät einen Punkt, Bochum verlor spät zwei - und beide werden sich beim Rückspiel wiedersehen. Hoffentlich bei etwas wärmeren Temperaturen, aber mindestens genauso viel Drama. 15.10.643990 21:02 |
Sprücheklopfer
Wenn es einmal hart auf hart kommt, kommt es meistens ganz hart.
Jens Jeremies