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Es war einer dieser Abende im Februar, an denen Hamburg eher nach Hafenromantik als nach Fußball roch. Doch die 10.500 Zuschauer im ehrwürdigen ASV-Stadion bekamen beim 2:3 (1:1) gegen Weiler im Allgäu ein Spiel serviert, das alles hatte: frühe Tore, jugendliche Unbekümmertheit - und am Ende einen Stich ins hanseatische Herz. Schon nach einer Viertelstunde schien alles nach Plan für den Hamburger ASV zu laufen. Karl Kluge, der 32-jährige Dauerläufer mit dem rustikalen Charme eines Altbauhausmeisters, drosch den Ball nach feiner Vorarbeit von Youngster Nelson Antolin in der 16. Minute in die Maschen. "Ich hab einfach mal draufgehalten", grinste Kluge später. "Wenn du so alt bist wie ich, denkst du nicht mehr, du triffst einfach." Doch die Freude währte exakt 60 Sekunden. Im Gegenzug zauberten die Gäste aus dem Allgäu einen Angriff, der so gar nicht nach dritter Liga aussah: Ronald Bertram, gerade einmal 18 Jahre alt, tanzte auf dem rechten Flügel, legte quer auf Samuel Erskine - und der zimmerte den Ball zum 1:1 unter die Latte. "Ich hab einfach gespürt, dass heute was geht", meinte Erskine später mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen jugendlichem Übermut und Selbstbewusstsein pendelte. Weiler bestimmte fortan das Geschehen. 17 Torschüsse - das ist kein Tippfehler. Während Hamburg immer wieder am eigenen Spielaufbau verzweifelte, wirbelte das Allgäuer Mittelfeld um Nick Scherer und den omnipräsenten Erskine nach Belieben. "Wir wollten mutig sein", erklärte Gästecoach Mino Raiola nach dem Spiel. "Und wenn du 46 Prozent Ballbesitz hast, aber 17 Abschlüsse - dann darfst du dir auch mal was einbilden." Nach dem Seitenwechsel blieb das Bild unverändert. Hamburg hatte mit 53 Prozent zwar mehr Ballbesitz, aber kaum Ideen. Die Allgäuer dagegen schalteten nach Ballgewinn blitzschnell um - und Scherer nutzte in der 65. Minute eine dieser Szenen zur 2:1-Führung. Sein satter Schuss aus 20 Metern war so präzise, dass ASV-Keeper Mike Leblanc nur hinterherschauen konnte. Trainer Erik Haupt an der Seitenlinie raufte sich die Haare. "Wir haben zu passiv verteidigt", grantelte er später. "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen raus, aber sie dachten wohl, ich meine zum Kiosk." Doch ganz so einfach wollten sich die Hamburger nicht geschlagen geben. In der 71. Minute kam Linksverteidiger Karsten Block über seine Seite durch, flankte punktgenau - und Lewis O’Dea köpfte zum 2:2 ein. Das Stadion erwachte, die Fans sangen, der Stadionsprecher schrie sich heiser. "Da war kurz wieder Leben drin", so Block. "Aber Fußball ist halt kein Märchenbuch." Denn dieses schrieb Weiler im Allgäu. In der 89. Minute, als alles schon nach einem friedlichen Unentschieden roch, kombinierten sich Scherer und Bertram noch einmal durch den Strafraum. Der 18-jährige Bertram blieb eiskalt und schob zum 3:2 ein. Jubel, Staunen, Schweigen. Die Allgäuer Bank explodierte, Trainer Raiola tanzte an der Seitenlinie - und der Hamburger Torwart klopfte frustriert den Pfosten ab, als wollte er ihm die Verantwortung zuschieben. Kurz darauf lag Potap Titow verletzt am Boden, musste raus, und alles wirkte plötzlich sinnbildlich für den Abend: viel Einsatz, wenig Ertrag. Ersatzmann Mircea Moldovan kam rein, aber die Uhr lief erbarmungslos herunter. "Das ist bitter", seufzte Erik Haupt nach Abpfiff. "Wenn du 53 Prozent Ballbesitz hast und trotzdem verlierst, weißt du: Statistik ist was für Buchhalter, nicht für Fußballer." Bei Weiler klang das anders. "Wir sind jung, wild und manchmal naiv", lachte Doppeltorschütze-Assistent Nick Scherer. "Aber heute waren wir einfach nur geil auf den Sieg." Der Hamburger Anhang verabschiedete sein Team mit höflichem Applaus - man kennt das im Norden, man bleibt hanseatisch. Doch der Frust war greifbar. "Das war kein schlechtes Spiel", verteidigte Kapitän Kluge seine Kollegen. "Aber wenn du den Allgäuern so viel Platz lässt, dann tanzen sie dir auf der Nase herum." So endete ein Spiel, das eigentlich Hamburg gehörte, aber von Weiler im Allgäu geklaut wurde - mit jugendlicher Frechheit, taktischer Disziplin und einer gehörigen Portion Mut. Und irgendwo zwischen Elbe und Alpen dürfte man sich einig sein: Es war ein Abend, an dem die Landluft frischer roch als die Hafenbrise. 13.04.643990 16:40 |
Sprücheklopfer
Die Hitze kann für die deutschen Spieler sogar ein Vorteil sein. An einem Urlaubsort sieht man in der Mittagshitze auch immer nur Deutsche draußen, also kommen wir mit der Temperatur sogar besser zurecht.
Erich Ribbeck