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Es war ein nasskalter Februarabend in der Oberliga F, Spieltag zwölf, und 3707 Zuschauer hatten sich im Oberspree-Stadion eingefunden - vermutlich in der Hoffnung, dass ihre Jungs den VfL Pfullingen ordentlich vernaschen würden. Am Ende stand ein 1:1, das sich anfühlte wie eine vertane Chance, ein kleiner Dämpfer für die Gastgeber und ein unerwartetes Erfolgserlebnis für die Gäste aus dem Süden. SSV Oberspree begann das Flutlichtspiel mit einer offensiven Ausrichtung, als hätten sie sich vorgenommen, den Ball gar nicht erst an die Gäste abzugeben. 54 Prozent Ballbesitz und zehn Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache. Schon in der neunten Minute fiel die frühe Belohnung: Nach einem präzisen Freistoß von Johann Körner stieg Innenverteidiger Jacob Witt am höchsten und köpfte den Ball wuchtig ins rechte Eck - 1:0. Der Jubel hallte durch die kalte Nacht, und Trainer Heiko Riedel (der übrigens nach eigener Aussage "nur kurz die Augen zugemacht" hatte) musste sich beim Aufspringen fast den Kaffee über die Jacke schütten. "Das war so ein Moment, wo du denkst: Heute läuft alles", grinste später Torschütze Witt. Doch das tat es eben nicht. Denn der VfL Pfullingen, trainiert vom unerschütterlichen Günter Thiede, ließ sich nicht einschüchtern. Stück für Stück übernahmen die Gäste das Kommando, ohne allerdings wirklich zwingend zu werden. Enrique Vasco prüfte in Minute 18 Obersprees Keeper Wolfgang Hinz, der spektakulär parierte - einer dieser Flugeinlagen, die man später noch in Zeitlupe in der Vereinskantine bestaunt. "Wir wussten, dass Oberspree gerne hoch steht. Da wollten wir hinter die Kette kommen", erklärte Thiede nach dem Spiel. Er sagte das mit der Ruhe eines Mannes, der schon zu viele 1:1 gesehen hat, um sich noch groß zu wundern. Nach der Pause blieb das Spiel offen. Nils Brauer und Tom Greiner vergaben gute Chancen für die Hausherren, während Pfullingen immer gefährlicher konterte. In der 60. Minute sah Pfullingens Rechtsverteidiger Marcel Caron Gelb, nachdem er Körner an der Seitenauslinie eher rustikal als regelkonform begrüßt hatte. Das Publikum quittierte die Szene mit einem vielstimmigen "Ooooh!", das irgendwo zwischen Entrüstung und Schadenfreude lag. Dann, die 69. Minute - die kalte Dusche für Oberspree: Der junge Juanito Esteve (20) zog von rechts in die Mitte, bekam den Ball von seinem Teamkollegen Alfie Argyll serviert und schlenzte ihn aus 16 Metern unhaltbar ins lange Eck. 1:1! Die Pfullinger Bank verwandelte sich in ein wildes Knäuel aus Jubel und dicken Jacken. "Ich hab nur instinktiv geschossen", sagte Esteve später, "und dann war’s plötzlich still im Stadion - naja, außer bei uns." Oberspree drängte nochmals, Lasse Albert und Brauer feuerten drauflos, doch Pfullingens Keeper Alexandre Bouchard hielt, was zu halten war. Als Mathias Schubert in der 85. Minute nach einem rüden Einsteigen die Rote Karte sah, roch alles nach einem späten Sieg der Gastgeber. Doch der Ball wollte einfach nicht mehr über die Linie. "Wir haben’s zu schön spielen wollen", seufzte Trainer Riedel in der Pressekonferenz. "Vielleicht hätten wir einfach mal draufhauen sollen - so wie die Pfullinger." Neben ihm saß Jacob Witt, der leise hinzufügte: "Oder ich hätte gleich noch eins machen sollen." Statistisch betrachtet war Oberspree das bessere Team: mehr Ballbesitz, mehr Kontrolle, mehr Torchancen. Aber Fußball wird bekanntlich nicht nach Statistiken entschieden, sondern nach Toren - und da stand’s eben 1:1. Als die Flutlichter erloschen, stapften die Spieler vom Platz, und ein älterer Fan auf der Tribüne fasste das Geschehen in drei Worten zusammen: "Schöne Show, schade." Treffender hätte man’s kaum sagen können. Oberspree bleibt damit zwar im oberen Tabellenmittelfeld, verpasst aber den Sprung nach ganz oben. Pfullingen hingegen kann mit dem Punkt gut leben - besonders nach der späten Unterzahl. "Ein dreckiger Punkt", grinste Thiede zum Abschied, "aber manchmal sind das die schönsten." Und so ging ein Spiel zu Ende, das alles hatte: frühe Euphorie, späten Frust, eine rote Karte und jede Menge Emotionen. Nur eines fehlte - ein Sieger. Doch vielleicht ist genau das der Charme solcher Abende: Wenn keiner wirklich gewinnt, aber alle was zu erzählen haben. 14.10.643990 11:57 |
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Wir spielen hinten Mann gegen Mann, und ich spiel gegen den Mann.
Olaf Thon