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Wenn ein Spiel schon vor dem Pausenpfiff entschieden scheint, kann das entweder an einer überragenden Mannschaft oder an einem überforderten Gegner liegen - im Falle des 4:1 des FC Southampton gegen die Bristol Pirates war es wohl beides. 57.415 Zuschauer im St. Mary’s sahen am Dienstagabend ein Heimteam, das von Beginn an gierig war wie ein Kind vor dem Süßigkeitenregal. Schon in der 12. Minute klingelte es zum ersten Mal: Manuel Tiago, der bullige Mittelstürmer, setzte sich nach einem feinen Zuspiel von Gabri Yanez im Strafraum durch und drosch den Ball flach ins rechte Eck. "Ich hab nur gedacht: Wenn ich nicht treffe, meckert Michael wieder beim Frühstück", grinste Tiago nach dem Spiel, während Trainer Michael Böning neben ihm trocken anmerkte: "Dann hätte ich halt Kaffee ohne Zucker serviert." Kaum hatten die Pirates den Schock verdaut, schlug es erneut ein. In der 21. Minute marschierte Rechtsverteidiger Leo Broderick nach Doppelpass mit Nicolaas Derrick die Linie entlang und überraschte Keeper Arpad Toth mit einem Schuss aus spitzem Winkel - 2:0. Broderick hob entschuldigend die Hand, als wollte er sagen: "Eigentlich wollte ich flanken." Die Gäste aus Bristol wirkten bemüht, aber hilflos. Sie hatten mit 54 Prozent Ballbesitz statistisch mehr vom Spiel, doch das war ungefähr so tröstlich wie ein Regenschirm in einem Sturm ohne Griff. Ganze vier Schüsse auf das Tor brachten sie zustande - keiner davon in der ersten Halbzeit gefährlich. Trainer Phi Ung reagierte in der Pause gleich mit einem Dreifachwechsel: Bruun, Satchmore und Ordonez kamen, um das sinkende Schiff zu stabilisieren. Doch die Southampton-Offensive hatte andere Pläne. In der 53. Minute traf Yanez selbst, nach Vorlage von Jan Ovesen, zum 3:0 - eine herrliche Kombination auf engstem Raum. "Ich wusste gar nicht, dass ich so viel Platz hatte", sagte Yanez lachend. "Aber wenn keiner kommt, nehme ich den Ball halt mit bis in die Küche." In der 60. Minute gönnte Böning einigen Stammkräften eine Verschnaufpause - Liam Allington und Billy Benett kamen frisch ins Spiel, und trotzdem blieb der Druck hoch. Southampton spielte nun etwas abwartender, lauerte auf Konter, und einer davon saß: In der 77. Minute startete Ovesen über rechts, nahm einen langen Ball von Innenverteidiger Carles Ordono perfekt mit und vollendete eiskalt zum 4:0. Das Publikum stand - und sang, als ginge es um den Titel. Nur die Defensive der Saints ließ kurz vor Schluss noch einmal Gnade walten: In der 92. Minute erzielte François Donckers den Ehrentreffer für Bristol, nach Zuspiel von Maik Hase. "Wenigstens haben wir getroffen", murmelte Donckers in der Mixed Zone, "das war sonst wie mit angezogener Handbremse auf Glatteis." Die Statistik spiegelte das wider: 16 Torschüsse für Southampton, nur 4 für Bristol. Und obwohl die Gäste mehr Ballbesitz hatten, wirkte jeder Angriff der Hausherren schärfer, direkter, gefährlicher. Der Unterschied lag nicht in Prozenten, sondern in der Konsequenz. Drei Gelbe Karten für die Pirates (Costa, Abelson und Hase) deuteten zudem an, dass Frust sich breitgemacht hatte. "Wir haben versucht, körperlich gegenzuhalten", rechtfertigte sich Coach Ung. "Aber wenn du gegen so eine Wucht anläufst, hilft dir kein Yoga und kein Gelb." Böning dagegen zeigte sich zufrieden, aber nicht euphorisch: "Wir haben ein gutes Spiel gemacht, aber die Jungs wissen, dass wir zu Beginn der zweiten Halbzeit etwas geschlafen haben. Dann hilft nur laufen, laufen, laufen - und Tiago trifft schon wieder." Im Kabinengang war die Stimmung gelöst. Ein Balljunge soll zu Ovesen gesagt haben: "Kannst du mir dein Trikot schenken?" Ovesen lachte: "Klar, aber nur, wenn du mir das nächste Mal den Ball schneller zuwirfst." Am Ende stand ein klarer 4:1-Erfolg, der Southampton in der Tabelle weiter festigt und Bristol zum Nachdenken zwingt. Die Pirates hatten zwar ihre Momente, aber wer ohne Pressing, ohne Biss und ohne Mut gegen einen entfesselten Gastgeber antritt, der geht eben unter - ob auf See oder auf Rasen. Oder, wie es ein älterer Fan auf der Tribüne formulierte: "Die Pirates? Eher ein Ruderboot heute." Ein bisschen Spott darf nach so einem Abend sein - schließlich war’s Fußball in seiner schönsten Form: schnell, frech, mit einem Augenzwinkern. Und wenn Southampton so weitermacht, braucht Trainer Böning bald wirklich keinen Zucker mehr im Kaffee. 03.09.643993 03:51 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon