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Wenn man 41 Prozent Ballbesitz hat und trotzdem gewinnt, darf man sich ruhig auf die Schulter klopfen. Der FC Southampton besiegte am 33. Spieltag der 1. Liga England die favorisierten Manchester Blues mit 2:1 (0:1) - und das vor 45.891 begeisterten Zuschauern, die am Ende kaum wussten, ob sie gerade eine taktische Meisterleistung oder ein Wunder gesehen hatten. Die Partie begann, wie es sich für ein englisches Fußballmärchen gehört: mit einem frühen Rückschlag. Bereits in der 9. Minute jagte Jamie Anderson, der Routinier im blauen Trikot, den Ball nach feinem Zuspiel von Youngster Sean Lester in die Maschen. "Ich dachte, das wird heute ein Spaziergang", grinste Anderson später bitter. Es sollte anders kommen. Die Blues kontrollierten das Geschehen, ließen den Ball zirkulieren wie in einem Trainingsspiel - 58 Prozent Ballbesitz, elegante Kurzpässe, aber erstaunlich wenig Durchschlagskraft. Fünf Torschüsse in 90 Minuten - das ist für ein Team mit Meisterschaftsambitionen ungefähr so viel, wie ein Espresso für einen Marathonläufer. Southampton dagegen wirkte anfangs fahrig. Trainer Michael Böning schüttelte an der Seitenlinie immer wieder den Kopf, während seine Abwehr nachlässig durch die Räume driftete. Als in der 21. Minute Blues-Verteidiger Xavier Nani verletzt vom Platz musste, schien sich das Schicksal zu wenden. Die Gäste verloren ihre defensive Stabilität, und die Saints witterten Blut. "Ich hab den Jungs in der Pause gesagt: Wir haben nichts zu verlieren - außer das Spiel", verriet Böning später mit einem süffisanten Lächeln. Offenbar traf er den richtigen Ton. Denn nach dem Seitenwechsel legten die Gastgeber los, als hätten sie in der Kabine eine Mischung aus Espresso und Adrenalin serviert bekommen. In der 65. Minute war es dann soweit: Billy Benett, gerade frisch eingewechselt, flankte präzise auf Manuel Tiago, der sich im Strafraum elegant drehte und den Ball humorlos in den Winkel drosch - 1:1. Das Stadion bebte, und selbst die Tauben auf dem Stadiondach dürften kurz gezuckt haben. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Tiago später, "und gehofft, dass keiner im Weg steht - diesmal hat’s geklappt." Nur elf Minuten später der nächste Jubelsturm: Der quirlige Jan Ovesen, 21 Jahre jung und offenbar furchtlos, vollendete nach Vorarbeit von Gabri Yanez zur 2:1-Führung. Ein Treffer, der nicht nur die Partie drehte, sondern auch die Blues aus ihrem Konzept riss. Trainer Daniel Kontsch raufte sich an der Seitenlinie die Haare, während seine Spieler den Ball weiterhin tapfer quer schoben. "Wir wollten geduldig bleiben", erklärte Kontsch hinterher. "Leider waren wir dann zu geduldig - fast meditativ." Southampton verteidigte den Vorsprung mit Leidenschaft, manchmal auch mit purem Überlebenswillen. Linksverteidiger Kai Whitman sah in der 59. Minute Gelb, hielt danach aber jeden Zweikampf, als ginge es um die Ehre seiner gesamten Familie. Und als Ovesen in der Nachspielzeit verletzt ausgewechselt werden musste, applaudierten die Fans nicht aus Mitleid, sondern aus purer Dankbarkeit. Statistisch gesehen war das Ergebnis fast ein Paradoxon: 15 Torschüsse für Southampton, nur fünf für Manchester. Die Blues hatten zwar mehr Ballbesitz, aber weniger Ideen - wie ein Schachspieler, der 20 Züge plant und trotzdem matt gesetzt wird. Im Presseraum nach dem Spiel war die Stimmung entsprechend gegensätzlich. Während Böning mit leuchtenden Augen erklärte: "Wir wollten mutig sein - und manchmal hilft Mut mehr als Mathematik", starrte Kontsch in seinen Kaffeebecher und murmelte nur: "Wir haben das Spiel dominiert. Leider nicht das Ergebnis." So bleibt der Abend an der Südküste als Lehrstück in Erinnerung: Ballbesitz gewinnt keine Spiele, Tore schon. Und wenn man sie mit so viel Herz, Schweiß und ein wenig Chaos erzielt wie die Saints, dann darf man sich auch ein Lächeln erlauben. Oder wie ein älterer Fan auf der Tribüne beim Abpfiff rief: "Wir sind Southampton - wir brauchen keinen Ball, nur den Willen!" Ein Satz, der an diesem Abend wohl alles zusammenfasste. 26.09.643993 06:42 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon