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Wenn jemals ein Fußballspiel den Satz "Ballbesitz ist nicht alles" illustriert hat, dann war es dieser Freitagabend im St. Mary’s Stadium. 45.174 Zuschauer sahen, wie der FC Southampton die Ewood Rovers mit 3:0 abfertigte - und das, obwohl die Gäste mehr vom Ball hatten, aber offenbar weniger damit anzufangen wussten. Trainer Michael Böning hatte seine "Saints" offensiv eingestellt, und man sah es sofort. Schon in der ersten Minute prüfte der junge Liam Allington den gegnerischen Keeper - ein Vorgeschmack auf das, was da noch kommen sollte. Southampton spielte wie ein Team, das keine Lust auf taktische Geduld hatte. "Wir wollten einfach Tore schießen, bevor es jemand verbietet", grinste Böning später im Interview. Die erste Halbzeit verlief, trotz 18 Torschüssen der Hausherren, torlos. Der Ballbesitz sprach mit 54 Prozent für die Rovers, doch deren Ideenreichtum endete meist irgendwo zwischen Mittellinie und Verzweiflung. Ein besonders symbolischer Moment: In der 37. Minute zirkelte Rovers-Stürmer Samuel Hoskins einen Schuss Richtung Oberrang - "Ich wollte Druck rausnehmen", lachte er selbstironisch danach. Zur Pause wechselte Ewood-Trainer Stephan Trajes gleich dreimal - ein seltenes Zeichen von Zufriedenheit. Sein Kommentar dazu: "Wir hatten einfach zu viele Torhüter auf dem Platz." Tatsächlich kam Ersatzkeeper Logan Bernard für einen Außenverteidiger, was sogar die eigene Bank kurz irritierte. Nach dem Seitenwechsel wurde es dann ernst - für die Rovers jedenfalls. In der 61. Minute fasste sich Allington, der 20-jährige Zentralmotor, ein Herz und hämmerte das Leder nach Vorarbeit von Manuel Tiago in die Maschen. Ein Jubel, jung, ungestüm, befreit. "Ich hab einfach nicht nachgedacht - das hilft manchmal", gab der Torschütze zu. Kaum hatten die Gäste den Schock verdaut, rappelte es erneut. Nur drei Minuten später (64.) war es Innenverteidiger Carles Ordono, der nach einer Ecke und Pass von Allington aus dem Gewühl heraus zum 2:0 einschob. Der Spanier rannte jubelnd Richtung Eckfahne, wo ihn seine Mitspieler beinahe ummähten. "Ich wollte eigentlich gar nicht vorne sein", gab Ordono später zu, "aber der Ball musste ja irgendwo hin." Ewood versuchte es mit kontrolliertem Aufbau - was in etwa so effektiv war wie ein Regenschirm im Sturm. Ihre acht Torschüsse verteilten sich über 90 Minuten, doch der Druck blieb theoretisch. Southampton dagegen roch Blut und legte in der Nachspielzeit noch nach: Der eingewechselte Kai Whitman flankte butterweich von links, Gabriel Beecroft köpfte unhaltbar ein (90.). Ein Treffer wie aus dem Lehrbuch, falls dieses Lehrbuch von einem Romantiker geschrieben wurde. Beecroft, erst 21, grinste nach dem Spiel: "Kai hat mir zugerufen, ich soll einfach Augen zu und draufhalten. Hat funktioniert." Whitman, der erfahrene Linksverteidiger, konterte: "Er hat eh nie seine Augen offen bei Flanken." Die Stimmung in der Kabine war entsprechend gelöst - kein Wunder nach so einer Demonstration. Die Statistik besagt: 18:8 Torschüsse, 46 Prozent Ballbesitz für Southampton, 3 Tore Unterschied. Böning fasste es treffend zusammen: "Manchmal ist weniger Ball mehr Fußball." Sein Gegenüber Trajes wirkte dagegen ratlos. "Wir hatten alles im Griff - außer den Ball, die Gegner und das Ergebnis." Und so verließ das Publikum das Stadion mit einem zufriedenen Lächeln und der Gewissheit, dass Fußball eben nicht immer logisch ist. Die jungen Wilden aus Southampton tanzten, die Rovers stolperten - und am Ende stand ein 3:0, das deutlicher klingt, als es war, aber genau richtig schmeckt. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Wenn die so weiterspielen, brauch ich bald Herztabletten - vor Freude." Ein Abend, der zeigte: Wer mutig spielt, darf auch mal frech lachen. Und Southampton lachte an diesem Abend sehr, sehr laut. 30.08.643990 14:26 |
Sprücheklopfer
Der Druck entlädt sich beim Torschuss - ein Wahnsinns-Feeling. So ähnlich wie beim Sex.
Jürgen Klinsmann