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Es war ein kalter, aber lauter Abend im Stadion an der The Den, als 52.194 Zuschauer den 10. Spieltag der 1. Liga England erlebten - und sie bekamen ein Spiel, das irgendwo zwischen Fußballkrimi und Slapstick pendelte. Am Ende jubelte der FC Southampton über ein 2:1 bei Millwall, während die Gastgeber ratlos in die Londoner Nacht blickten. Die Partie begann, als hätte Millwall beschlossen, die Gäste sofort schwindlig zu spielen. Schon nach einer Minute prüfte Benjamin Fryer den Keeper der "Saints", Alberto Mancuso, mit einem satten Schuss - der erste von insgesamt 17 Millwall-Versuchen. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, als Fryer abdrückte", grinste Mancuso später, "aber er kam genau auf mich zu - wie ein Geschenk." Trotz der frühen Dominanz der "Lions" aus Millwall zeigte sich Southampton unbeeindruckt. Ihre Taktik: starkes Pressing, schnelle Konter, lange Bälle. Ein Rezept, das in der 32. Minute aufging. Der junge Norweger Jan Ovesen, kaum 21, nutzte einen perfekten Pass von Gabri Yanez und drosch den Ball kompromisslos ins Eck. 0:1 - und es wurde still auf den Tribünen, abgesehen von ein paar Pfiffen, die wie ein Windstoß durch die Gassen von Bermondsey zogen. Trainer Sonny Crocket, Millwalls Chef an der Seitenlinie, sprang auf, raufte sich das Haar und brüllte: "Wir sind doch hier nicht beim Darts! Bewegt euch!" - ein Satz, den man noch auf der Pressetribüne hörte. Doch seine Mannschaft kam kämpferisch aus der Kabine. Nach einigen hektischen Minuten, in denen Southampton sich defensiv sortierte, gelang Joseph Lockwood in der 59. Minute der Ausgleich. Nach einem wuchtigen Lauf von Bradley Davonport, der kurz zuvor Gelb gesehen hatte, lauerte Lockwood am rechten Pfosten und drückte das Leder über die Linie. "Ich hab einfach gehofft, dass der Ball irgendwie kommt", sagte Lockwood später, "und diesmal kam er wirklich." Die Freude währte 60 Sekunden. Im direkten Gegenzug setzte sich der rechte Verteidiger Leo Broderick nach einem Pass von Billy Benett durch - und traf zum 1:2. Ein Abwehrspieler als Torschütze? "Naja", grinste Broderick, "der Trainer sagt immer, wir sollen mutiger werden. Ich nehme Anweisungen ernst." Millwall rannte danach unermüdlich an. Crocket brachte Elliot Lockwood und Daniel Darabont, um neuen Schwung zu erzeugen. Statistisch zahlte sich das Pressing aus - am Ende hatten die Hausherren nicht nur mehr Torschüsse (17 zu 10), sondern auch leicht mehr Zweikämpfe gewonnen (53 zu 47 Prozent). Nur: Tore zählen nun mal mehr als Statistiken. In der 78. Minute hätte Joseph Lockwood fast erneut getroffen. Sein Volley strich Zentimeter über die Latte, während die Zuschauer kollektiv die Luft anhielten. "Wenn der reingeht, reden wir über ein anderes Spiel", murmelte Crocket später, in der Art, wie nur ein Trainer spricht, der innerlich die Tischkante schon zerkaut hat. Dann, kurz vor Schluss, wurde es chaotisch. Louis Fairchild, Millwalls Innenverteidiger, sah in der 88. Minute Rot, nachdem er bei einem Zweikampf mehr den Mann als den Ball traf. Der Schiedsrichter zückte ohne Zögern die Karte, Fairchild stapfte fluchend vom Platz. "Ich wollte nur den Ball treffen", sagte er später - ein Satz, der wohl in keiner Kabine je geglaubt wurde. Southampton brachte das Ergebnis clever über die Zeit. Trainer Michael Böning lobte seine Mannschaft: "Wir haben uns nicht vom Lärm beeindrucken lassen. Millwall hat gedrückt, aber wir waren heute effizienter - und ehrlich gesagt, das reicht mir." Während die Southampton-Spieler auf dem Rasen feierten, standen die Millwall-Fans noch immer in Grüppchen, als wollten sie gemeinsam das Rätsel lösen, wie man mit 17 Torschüssen nur ein Tor erzielt. Crocket fasste es mit britischem Galgenhumor zusammen: "Manchmal ist Fußball eben wie ein schlechter Witz - du verstehst ihn erst, wenn’s zu spät ist." Ein Witz, über den an diesem Abend nur Southampton lachen konnte. Und so endete ein Spiel, das alles hatte: Tempo, Tore, Emotionen - und eine rote Karte als bittere Pointe. Die Statistik mag Millwall trösten, das Ergebnis aber spricht eine deutliche Sprache: 1:2, und drei Punkte gehen an die Südküste. Wer wissen will, wie ungerecht Fußball manchmal sein kann, der muss sich nur dieses Spiel noch einmal anschauen - am besten mit einem kräftigen Tee und einer ordentlichen Portion Selbstironie. 11.09.643990 03:40 |
Sprücheklopfer
Der Druck entlädt sich beim Torschuss - ein Wahnsinns-Feeling. So ähnlich wie beim Sex.
Jürgen Klinsmann