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Wenn 54.182 Zuschauer an einem frostigen Januarabend im St. Mary’s Stadium aufstehen, dann nicht, weil sie frieren - sondern weil sie gerade Zeuge eines Fußballdramas geworden sind, das selbst Shakespeare in die Verlängerung gezwungen hätte. Der FC Southampton besiegt die Margate Reds mit 4:3 (2:3) in einem Spiel, das sich anfühlte wie drei Partien in einer, komplett mit Nervenzusammenbruch, Erlösung und einer Prise Wahnsinn. Die ersten 30 Minuten glichen einem offenen Schlagabtausch im Boxring. Margate, mit Coach Ata Lameck an der Seitenlinie, kam raus wie eine Dampflok: Kai Marley eröffnete in der 11. Minute nach feiner Vorarbeit von Finlay Eliot - 0:1. Zwei Minuten später konterte der junge Gabriel Beecroft für Southampton, der nach Pass von Liam Allington trocken einschob. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht - und das war vermutlich mein Glück", grinste Beecroft später. Doch dann legten die Gäste nach: Filipe Dominguez traf in der 27. Minute, wieder nach Vorlage von Finlay Eliot, und nur eine Minute später war Marley erneut zur Stelle - 2:3! Margate spielte überfallartig, Southampton wirkte phasenweise wie der Nebencharakter im eigenen Film. "Wir haben alle Flügel verloren - und das lag nicht am Wind", schnaufte Trainer Michael Böning in der Pause. Die Statistik sprach da noch klar gegen die Hausherren: 19:8 Torschüsse für Margate, 55 Prozent Ballbesitz für die Gäste, dazu eine deutlich bessere Zweikampfquote. Doch Fußball ist selten gerecht - und noch seltener berechenbar. Nach dem Seitenwechsel änderte sich die Tonlage. Southampton stellte im Mittelfeld enger, zog das Pressing zurück und lauerte auf die Lücken. In der 50. Minute belohnte sich Jan Ovesen mit dem 3:3-Ausgleich, vorbereitet von Manuel Tiago. Das Stadion kochte, und plötzlich hatte man das Gefühl, die Saints könnten heute auch rückwärts Tore schießen. Neun Minuten später war es dann soweit: Tiago, der zuvor schon getroffen hatte (20. Minute), machte nach Zuspiel von - richtig geraten - Gabri Yanez das 4:3. Ein Treffer, so wuchtig, dass selbst der Torpfosten danach vibrierte. "Ich hab nur kurz gezögert - und dann gedacht: jetzt oder nie", sagte Tiago, der zum Mann des Abends avancierte. Margate blieb gefährlich, schoss aus allen Lagen, aber jetzt war da dieser Alberto Mancuso im Tor von Southampton, der plötzlich alles hielt, was nicht niet- und nagelfest war. "Ein bisschen Glück gehört dazu", meinte er bescheiden - und klopfte dabei so oft auf sein Tor, dass man glauben konnte, er wolle es segnen. In der Schlussphase wurde’s hitzig: Gelb für Danijel Turina (61.), Leo Broderick (81.), Billy Henderson (85.) und schließlich auch Nicolaas Derrick in der Nachspielzeit. Es war ein bisschen wie eine Theaterprobe, in der jeder unbedingt seine Szene haben wollte. Auf der Tribüne stand der Schiedsrichter der letzten Woche und murmelte: "Gott sei Dank pfeife ich das nicht." Böning wechselte klug: Yanez ging in der 75. Minute, Morais kam - frische Beine für den Endspurt. Zehn Minuten später ersetzte Sebastiano Carlucci den erschöpften Beecroft. Margate reagierte ebenfalls, brachte Basta für Dominguez, aber der Druck verpuffte. Die Reds wirkten, als hätten sie ihre gesamte Energie in den ersten 45 Minuten verbrannt. Nach dem Schlusspfiff fiel Böning seinem Co-Trainer in die Arme, während Ata Lameck mit verschränkten Armen in der Coaching-Zone verharrte. "Wir haben das Spiel kontrolliert - bis wir aufgehört haben, daran zu glauben", sagte er trocken. Die Zahlen verraten: Southampton hatte weniger Ballbesitz, weniger Schüsse, aber mehr Mut. Und vielleicht war es genau das, was den Unterschied machte. "Statistik ist schön, solange sie auf dem Papier bleibt", grinste Böning in der Pressekonferenz. "Aber Fußball wird auf dem Platz entschieden - und manchmal auch im Kopf." So bleibt ein Abend, der in Erinnerung bleibt: Sieben Tore, vier verschiedene Torschützen, ein Comeback, das die Fans noch auf dem Heimweg besangen (wenn auch nicht ganz textsicher). Und irgendwo in Margate wird man sich heute Abend fragen, wie man ein Spiel verlieren kann, in dem man doppelt so oft aufs Tor geschossen hat. Die Antwort ist einfach: Fußball. Oder, wie Kai Marley es formulierte: "Manchmal triffst du zweimal - und gehst trotzdem als Verlierer vom Platz. Das ist das Schlimme. Und das Schöne." 21.04.643987 17:20 |
Sprücheklopfer
Ich bin wieder derjenige, der wo alles ausbaden muss.
Mario Basler