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Wer in der 88. Minute noch Chips kauen und über das 0:0 gähnen wollte, wurde im St. Mary’s Stadion jäh aufgeweckt. Der FC Southampton hat den AFC Bournemouth mit 3:0 besiegt - und das in einem Spiel, das lange so aussah, als würde es als Schlafmittel in die Vereinsgeschichte eingehen. Doch dann explodierte die Partie förmlich - im allerletzten Akt. Über 51.000 Zuschauer sahen, wie die Hausherren von Beginn an Druck machten, ohne jedoch den Ball über die Linie zu bringen. Ganze 19 Schüsse aufs Tor verbuchte Southampton, während Bournemouths Keeper Lewis Ward sich schon in der ersten halben Stunde fühlte wie ein überarbeiteter Volleyballspieler. "Ich dachte, wir spielen Handball", witzelte der junge Torhüter später mit einem gequälten Lächeln. Die Gäste, trainiert vom stets stoischen Raffael Vogelsang, waren dagegen mehr mit Schadensbegrenzung beschäftigt. Nur ein einziger Schuss fand den Weg auf das Tor der Saints - in der 83. Minute, ein zaghafter Versuch von Alexander Gage, der eher als höfliche Ballabgabe in die Hände von Keeper Gabriel Clancy durchging. "Wir wollten ruhig bleiben", erklärte Vogelsang nach dem Spiel. "Leider waren wir etwas zu ruhig." Southampton-Coach Michael Böning hatte seine Elf offensiv eingestellt, das Pressing saß, die Pässe liefen - nur das Tor fehlte. Die erste Halbzeit endete folgerichtig torlos, aber nicht ereignislos. Carles Ordono holte sich früh Gelb ab, als er meinte, man könne einen Bournemouth-Angriff auch mit einem beherzten Griff ans Trikot stoppen. "Ich wollte nur sicherstellen, dass er den Weg nach Hause findet", grinste der Verteidiger nach dem Spiel. Kurz vor der Pause dann ein Schreckmoment: Bournemouths Teenager-Stürmer Cody Gakpo musste nach einem Zweikampf verletzt raus - sein Debüt endete nach 40 Minuten. Für ihn kam Bradley Roades, der anschließend so unsichtbar blieb, dass man ihn fast auf der Stadiontafel hätte suchen müssen. Nach dem Seitenwechsel das gleiche Bild: Southampton belagerte, Bournemouth blockte. Manuel Tiago, Gabriel Beecroft, Billy Benett - sie alle probierten es, scheiterten aber an sich selbst oder an der Latte, die an diesem Abend wohl mehr zu tun hatte als Bournemouths Mittelfeld. Dann, als sich viele schon mit einem leistungsgerechten 0:0 abgefunden hatten, drehte sich das Spiel wie ein Krimi mit verspäteter Pointe. In der 85. Minute brachte Böning den jungen Duarte Ramirez - ein Wechsel, der sich als Geniestreich herausstellen sollte. Nur drei Minuten später war der 20-Jährige zur Stelle: Benett flankte von links, Ramirez stieg hoch und köpfte den Ball zum 1:0 in die Maschen. Das Stadion explodierte. "Ich dachte, mein Herz bleibt stehen", keuchte Böning danach lachend. "Aber dann fiel der Ball rein - und ich wusste: Jetzt ist der Knoten geplatzt." Kaum hatte sich Bournemouth vom Schock erholt, klingelte es erneut. In der 91. Minute stand Innenverteidiger Kai Peter nach einer Ecke goldrichtig und drückte das Leder über die Linie - Vorlage diesmal von Gabri Yanez, der eine Minute später selbst zum 3:0 traf. Ein Traumtor aus spitzem Winkel, vorbereitet vom quirlig-agilen Liam Allington. "Ich wollte eigentlich nur Zeit schinden", gab Yanez hinterher zu. "Aber dann dachte ich, ach, warum nicht mal draufhalten?" - ein Satz, der vermutlich in die Vereinsfolklore eingehen wird. Bournemouth hingegen wirkte in der Schlussphase wie ein Boxer, der in der elften Runde den Ring verwechselt. Kein Pressing, kein Aufbäumen, nur Fassungslosigkeit. Trainer Vogelsang stand mit verschränkten Armen da und murmelte: "Drei Tore in acht Minuten - das ist fast schon Kunst." Statistisch gesehen war die Partie kurios: Bournemouth hatte mit 50,6 Prozent sogar leicht mehr Ballbesitz, aber eben nichts daraus gemacht. Southampton war direkter, entschlossener, schlicht hungriger. Als der Schlusspfiff ertönte, atmete das Stadion auf. "Endlich ein Spiel, das man zu Ende schauen musste", witzelte ein Fan auf der Tribüne. Und tatsächlich - selten hat ein 3:0 so spät, so verdient und so befreiend gewirkt. Vielleicht war es das Spiel, das Southamptons junge Truppe gebraucht hat: ein Geduldsspiel mit einem Happy End. Oder, wie Coach Böning es formulierte: "Manchmal musst du 87 Minuten lang an die Tür klopfen - und dann dreimal eintreten." Und Bournemouth? Die müssen sich wohl an den Gedanken gewöhnen, dass Ballbesitz allein noch keine Punkte bringt. "Wir hatten die Kugel, aber sie hatten den Mut", sagte Vogelsang. Treffender kann man einen 3:0-Abend kaum zusammenfassen. 21.05.643993 22:44 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler