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Ein lauer Frühlingsabend in Wodzislaw, 3.500 Zuschauer, Flutlicht, Bratwurstduft - und ein Heimteam, das nach 90 Minuten wohl am liebsten im Erdboden versunken wäre. Sleza Wroclaw hat Orda Wodzislaw am 4. Spieltag der 3. polnischen Liga mit 5:0 auseinandergenommen. Eine Partie, die weniger an ein Fußballspiel erinnerte, sondern eher an eine Lehrstunde mit praktischen Übungen in Ballkontrolle, Raumaufteilung und Abschlussstärke. Dabei hatte Orda-Trainer, dessen Name in den Unterlagen - wohl aus Selbstschutz - gar nicht auftaucht, sein Team "balanciert" eingestellt. Das passte auch ganz gut, denn Wodzislaw balancierte das ganze Spiel über zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Der Ballbesitz war mit 47 Prozent sogar ordentlich - nur: was bringt’s, wenn der Gegner 30 Torschüsse abfeuert und man selbst ganze drei zustande bringt? Schon in der 14. Minute eröffnete der junge Arkadiusz Trytko, gerade einmal 19 Jahre alt, das Torfestival. Ein Schuss, trocken wie ein polnischer Wodka, und die Stimmung auf der Heimtribüne kippte. "Ich hab einfach draufgehalten, und der Ball wollte rein", grinste Trytko später - bescheiden, aber mit dem selbstbewussten Glanz eines Teenagers, der weiß, dass er heute Geschichte geschrieben hat. Zehn Minuten später legte Mateusz Piechaczek nach, nach schöner Vorarbeit von Stanislaw Nawalka. Sein Schuss schlug so präzise ein, dass man fast Mitleid mit Torhüter Jakob Fritzsche bekam, der wohl noch überlegt, ob er hätte fliegen oder lieber beten sollen. Und kaum hatte sich Orda von diesem Schock erholt, klingelte es schon wieder: Dennis Baluszynski, 18 Jahre jung, machte in der 26. Minute das 0:3. "Da haben wir kurz gedacht, wir spielen gegen eine Jugendnationalmannschaft mit Turboantrieb", murmelte Ordas Mittelfeldmann Noah Keller später in die Mikrofone. Tatsächlich war der Altersdurchschnitt der Gäste auffällig niedrig - aber dafür umso bissiger, schneller, spielfreudiger. In der zweiten Halbzeit änderte sich das Bild kaum. Sleza blieb offensiv, Orda blieb ratlos. Zwar versuchten Dominik Adamski und Joel Jürgens ab Minute 55, wenigstens das Ehrentor zu erzwingen, doch der Ball wollte einfach nicht rein. Stattdessen sah Adamski in der 64. Minute Gelb - vermutlich aus Frust, weil er den Ball mal wieder verloren hatte. Jürgens folgte ihm in der 86. mit der gleichen Farbe. "Wir wollten fair bleiben, aber irgendwann reicht’s auch", sagte Adamski nach dem Spiel mit einem gequälten Lächeln. "Man fühlt sich ja wie ein Trainingshütchen." Und als die Zuschauer schon auf den Abpfiff warteten, setzte Sleza nochmal einen drauf - oder besser gesagt: zwei. Baluszynski traf in der 87. Minute nach feiner Vorlage des eingewechselten Marcel Kosowski zum 0:4 und legte nur eine Minute später selbst noch das 0:5 nach. Zwei Tore in zwei Minuten - die halbe Kurve von Wroclaw tanzte, während auf der anderen Seite nur noch das Rascheln der Regenjacken zu hören war. Trainer Andy Larkin, ein Brite mit trockenem Humor, fasste das Geschehen nüchtern zusammen: "Wir haben einfach Spaß am Ball gehabt. Und wenn du Spaß hast, kommen die Tore von selbst." Auf die Frage, ob er von Baluszynski überrascht sei, grinste er: "Überrascht? Der Junge trifft auch beim Abschlusstraining, wenn wir nur auf halbe Tore spielen." Orda-Coach hingegen verschwand nach dem Schlusspfiff wortlos im Kabinengang. Ein Ordner hörte ihn etwas murmeln, das entfernt nach "Nie wieder balanced" klang. Statistisch war das Ergebnis fast milde. 52 Prozent Ballbesitz für Sleza, 30 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe - und das alles ohne übermäßige Härte, dafür mit jugendlicher Frische. Wroclaw agierte taktisch offensiv, mit kurzen Pässen und sicherem Abschlussverhalten. Man könnte sagen: modern, effizient, eiskalt. Für Orda Wodzislaw bleibt der Abend ein Albtraum, aus dem man hoffentlich lehrreiche Schlüsse zieht. Für Sleza Wroclaw dagegen war es ein Statement - und vielleicht der Beginn einer kleinen Erfolgsserie. Oder, wie Baluszynski beim Abgang in die Katakomben noch sagte: "Fünf Tore sind schön - aber wir hätten auch sechs machen können." Und wer ihn da lachen sah, wusste: das war keine Übertreibung. In Wodzislaw wird man diesen Abend wohl so schnell nicht vergessen - auch wenn man es gerne würde. 16.12.643993 11:26 |
Sprücheklopfer
Fußball spielt sich zwischen den Ohren ab. Da war teilweise Brachland, das neu bepflanzt werden musste.
Rainer Bonhof