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Es war ein kalter Februarabend in Sosnowiec, die Flutlichter funkelten, die Ränge im Stadion waren mit 26.221 Zuschauern gut gefüllt - und doch war es einer jener Abende, an denen die heimische Fangemeinde sich schon früh fragte, ob sie nicht besser Netflix eingeschaltet hätte. Dinamo Sosnowiec verlor am 5. Spieltag der 1. Liga Polen glatt mit 0:2 gegen SK Pruszkow - und das, obwohl die Statistik auf den ersten Blick sogar für die Gastgeber sprach. 57 Prozent Ballbesitz, aber kein einziger Torschuss. Null. Nada. Nichts. "Wir hatten den Ball, aber irgendwie wollte keiner wissen, was man damit macht", murmelte Dinamo-Trainer Sebastian Milla nach dem Spiel trocken. Sein Gesicht sprach Bände - und wahrscheinlich auch seine Kabinenansprache kurz darauf. Anders sah das bei den Gästen aus. SK Pruszkow schoss sich in einen regelrechten Rausch: 25 Torschüsse, zwei Treffer, und eine Dominanz, die selbst den Stadionsprecher in der zweiten Halbzeit kurzzeitig in Verzweiflung brachte. "Und wieder ein Schuss von Pruszkow…", hörte man ihn irgendwann seufzen. Bereits in der 12. Minute eröffnete der 19-jährige Zbigniew Spizak die Partie mit einem wuchtigen Abschluss, der Dinamos Torhüter mehr überraschte als erfreute. Der Ball zappelte im Netz, und die Fans aus Pruszkow jubelten, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. Den klugen Pass lieferte Mittelfeldmotor Philip Szamotulski, der an diesem Abend ohnehin alles an sich riss, was nach Fußball aussah. Dinamo versuchte, die Kontrolle zurückzugewinnen, spielte sich aber vornehmlich im eigenen Drittel die Bälle zu. Der Gegner lauerte, lächelte - und schoss. Und schoss. Und schoss. Irgendwann zählte man die Chancen nicht mehr, sondern nur noch das Mitleid mit den Verteidigern von Sosnowiec. In der Halbzeit sah man Coach Milla gestenreich in Richtung seiner Spieler deuten, als wolle er ihnen erklären, wo das Tor steht. "Wir müssen mutiger werden", sagte er später in die Kameras. "Aber Mut allein reicht nicht, wenn man den Ball lieber quer als nach vorn spielt." In der 77. Minute schließlich fiel die endgültige Entscheidung: Der eingewechselte 18-jährige Nenad Zdravkovic traf nach Vorarbeit - natürlich wieder - von Szamotulski. Ein wuchtiger Schuss, flach ins lange Eck. Dinamos Torhüter war chancenlos, die Fans schwiegen. Nur ein Kind auf der Tribüne klatschte - vermutlich, weil es das Stadionhorn mochte. Pruszkow-Coach Stefan Petruck hingegen grinste nach dem Spiel so breit wie ein Mann, der gerade im Lotto gewonnen hat. "Unsere Jungs sind jung, wild und manchmal ungeduldig", sagte er. "Aber heute haben sie gezeigt, dass sie reif genug sind, um auch auswärts eiskalt zu bleiben." Dinamos Abwehrchef Gai Tzabar, der in der 73. Minute noch Gelb sah, fasste die Misere in einem Satz zusammen: "Wir haben 90 Minuten lang versucht, defensiv stabil zu stehen - und standen am Ende einfach nur da." Taktisch war es ein Duell der Gegensätze: Dinamo mit ausgewogener, fast braver Ausrichtung, kein Pressing, kein Risiko. Pruszkow dagegen mit klar offensiver Haltung, langen Pässen über die Flügel und einem Selbstverständnis, das an jugendlichen Übermut grenzte. Und genau dieser Übermut war es, der die Partie entschied. Selbst in der 90. Minute hörte Pruszkow nicht auf, aufs Tor zu feuern. Innenverteidiger Ilja Malachow versuchte es aus 25 Metern, als wolle er sich auch noch in die Torschützenliste eintragen. Der Ball ging zwar in die Wolken, aber es war sinnbildlich für den unbändigen Willen der Gäste. Nach dem Abpfiff herrschte in Sosnowiec betretenes Schweigen. Einige Fans blieben noch sitzen, andere schüttelten resigniert den Kopf. Ein älterer Herr flüsterte seinem Nachbarn zu: "57 Prozent Ballbesitz - aber was nützt das, wenn du damit nur dein eigenes Elend pflegst?" Vielleicht war das die ehrlichste Analyse des Abends. Dinamo Sosnowiec steht nach dieser Niederlage mit hängenden Köpfen da, während SK Pruszkow mit breiter Brust Richtung Tabellenoberhaus blickt. Und wenn sie weiter so spielen, wird man sich in Polen noch öfter an Namen wie Spizak, Zdravkovic und Szamotulski erinnern. Oder, wie Petruck zum Abschied scherzte: "Wir hatten heute mehr Schüsse als Dinamo Pässe nach vorn - das ist auch eine Art von Ballbesitz." Ein bitterer Abend für Dinamo, ein jugendlich frecher Triumph für Pruszkow - und ein Spiel, das man in Sosnowiec wohl noch eine Weile nicht vergessen wird. 24.07.643990 12:42 |
Sprücheklopfer
Ich sehe einen positiven Trend: Tiefer kann es nicht mehr gehen.
Olaf Thon