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Es gibt Fußballspiele, die man kaum glauben würde, wenn sie nicht schwarz auf weiß im Spielberichtsbogen stünden. Das Viertelfinal-Hinspiel im Liga-Pokal zwischen dem SV Schaffhausen und dem SC Tuggen gehört zweifellos dazu. 12:0. Zwölf zu null! Ein Ergebnis, das selbst eingefleischte Statistikfreunde zweimal nachrechnen mussten, während die 9178 Zuschauer im Stadion zwischen ungläubigem Lachen und Mitleid schwankten. Der Abend begann, wie er enden sollte - mit einem Tor. Nach exakt 52 Sekunden drosch Rechtsverteidiger Fakir Aurelio den Ball aus gut 25 Metern ins Netz. "Eigentlich wollte ich flanken", grinste Aurelio später und suchte nach den richtigen Worten, "aber dann dachte ich: Ach, warum nicht gleich Geschichte schreiben?" Jacques Krieger hatte den Treffer vorbereitet, und die Gäste aus Tuggen wirkten schon da so überrascht, als hätten sie gerade erfahren, dass das Spiel doch nicht in der Halle stattfindet. Nur drei Minuten später legte Carl Figo nach. Auch er profitierte von Kriegers Vorarbeit, und man konnte fast Mitleid haben mit Tuggens Keeper Stefan Belanger, der nach vier Minuten schon zweimal hinter sich greifen musste. Schaffhausen spielte da allerdings in einer eigenen Liga - technisch präzise, taktisch diszipliniert und mit einer Kaltschnäuzigkeit, die man sonst nur in Computerspielen sieht, wenn man den Schwierigkeitsgrad auf "leicht" gestellt hat. Dann kam die Lindblom-Show. Valentin Lindblom, 33 Jahre alt und scheinbar in der zweiten Frühblüte seiner Karriere, traf in der 16., 17. und 25. Minute - ein lupenreiner Hattrick, garniert mit Assists von Aurelio und dem jungen Maurice La Barre, der kurz darauf verletzt ausgewechselt werden musste. "Ich hab gedacht, der Ball war magnetisch", sagte Lindblom später. "Egal, wohin ich lief - er kam einfach zu mir." Karl Lavoie, der 21-jährige Linksaußen, wollte offensichtlich nicht hintanstehen und schoss in der 27. und 38. Minute ebenfalls doppelt. Beim zweiten Treffer assistierte Figo, der an diesem Abend ohnehin an fast allem beteiligt war, was nach Fußball aussah. Björn Simard (33. Minute) und nochmal Lindblom (41.) sorgten für den Halbzeitstand von 9:0. Neun zu null. Die Pausenansprache von Schaffhausen-Trainer - der Name blieb ungenannt, aber laut Zeugenaussagen begann sie mit einem schlichten "Bitte bleibt fair" - dürfte zu den ruhigsten seiner Karriere gehört haben. Tuggens Trainer hingegen wirkte wie ein Mann, der innerlich einen stillen Pakt mit dem Schicksal geschlossen hatte. "Wir wollten eigentlich kompakt stehen", murmelte er nach dem Spiel, "aber dann standen wir halt kompakt im eigenen Strafraum - und das hat auch nicht geholfen." In der zweiten Hälfte schaltete Schaffhausen, man mag es kaum glauben, einen Gang zurück. Nur noch drei Tore fielen: erneut Figo (63.), dann der eingewechselte Knut Bachellier (83.) und schließlich Lavoie (86.), der damit seinen dritten Treffer markierte. "Ich wollte eigentlich noch ein viertes machen, aber Figo hat mir den Ball geklaut", witzelte der junge Franzose hinterher. Taktisch blieb Schaffhausen das ganze Spiel über "balanced", wie es im Fachjargon heißt - also ausgeglichen, aber mit einer Leichtigkeit, die fast schon überheblich wirkte. Sie hatten 56,7 Prozent Ballbesitz, 20 Torschüsse und eine Zweikampfquote von knapp 59 Prozent - Zahlen, die deutlich machen, dass hier alles funktionierte. Tuggen kam auf zwei magere Abschlüsse, von denen einer in der 92. Minute als "Torschuss" gezählt wurde, vermutlich aus Mitleid des Statistikers. Selbst die Verwarnungen passten ins Bild: vier Gelbe Karten, davon drei für Schaffhausen, die wohl eher aus Übermut als aus Härte resultierten. "Wir wollten’s auch mal spannend machen", meinte Aurelio augenzwinkernd, der in der 87. Minute eine Gelbe sah - kurz nachdem er fast sein zweites Tor erzielt hätte. Und dann war Schluss. 12:0. Die Zuschauer standen, applaudierten und wussten: Das Rückspiel in Tuggen wird wohl eher ein Betriebsausflug. Ein älterer Fan brachte es auf den Punkt: "So was hab ich zuletzt gesehen, als die Kinder im Garten gegen den Hund gespielt haben - und der hat wenigstens ein Tor gemacht." Ob Schaffhausen nun ins Halbfinale einzieht, dürfte nur noch eine Formsache sein. Die einzige offene Frage: Wie motiviert man sich nach einem solchen Feuerwerk noch fürs Training am Montag? Lindblom hatte darauf eine Antwort: "Wir üben jetzt mal, wie man aufhört zu treffen." Ein Abend, der in die Vereinschronik eingehen wird - und in Tuggen wohl noch lange Albträume hinterlassen dürfte. 21.05.643993 03:16 |
Sprücheklopfer
Der Druck entlädt sich beim Torschuss - ein Wahnsinns-Feeling. So ähnlich wie beim Sex.
Jürgen Klinsmann