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Es war ein lauer Frühlingsabend auf der Insel Rodos, 19 Uhr Anstoßzeit, 16.000 Zuschauer, die Sonne über dem Meer - und doch fror das Herz der heimischen Fans schon nach zwölf Minuten. Da nämlich traf Einar Munch, der 21-jährige Wirbelwind aus Dänemark, für den SC Fyn zum frühen 0:1. Rodos-Trainer Pique Blinders stand noch an der Seitenlinie, die Hände tief in den Taschen, und murmelte später: "Ich dachte, wir hätten sie im Griff. Aber dann kam dieser Junge mit dem Vornamen wie ein expressionistischer Maler." Der Treffer war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer klaren Hierarchie an Chancen: Fyn mit 22 Torschüssen, Rodos mit mageren fünf. Schon in der 5. Minute hatte Jay Clarke die Latte getroffen, kurz darauf prüfte Alexander Cantwell den griechischen Keeper Jacinto Tortosa mit einem Schuss, der so scharf war, dass man ihn fast als Bewerbung für den nordischen Wurfmeister interpretieren konnte. Rodos versuchte es tapfer. Vincenzo Valenti drehte sich in Minute 17 elegant wie ein Balletttänzer durch die Abwehr, aber sein Abschluss blieb harmlos. Yves Pienaar, der erfahrene Mittelfeldmann, zog einmal aus der Distanz ab, doch Fyns Torhüter Albert de la Sota blieb stoisch. "Ich hatte das Gefühl, sie wollten den Ball lieber streicheln als schießen", grinste der spanische Keeper nach dem Spiel. Die Griechen hatten eigentlich gar nicht so wenig Ballbesitz - 48 Prozent, fast ausgeglichen -, aber was sie damit anfingen, erinnerte eher an eine Siesta als an einen Angriff. SC Fyn dagegen spielte schnörkellos, offensiv, körperlich robust. In den taktischen Daten stand das Wort "offensiv" gleich viermal - man sah es ihnen an. "Wir wollten das Spiel nicht nur kontrollieren, sondern diktieren", erklärte Fyn-Coach Luis Pinheiro, "und ehrlich gesagt - es hat Spaß gemacht, die Jungs so laufen zu sehen." In der zweiten Halbzeit wurde das Bild deutlicher. Fyn drückte, Rodos kämpfte, aber ohne echte Durchschlagskraft. Der junge Däne Gerd Hougaard, 23, hatte gleich eine ganze Serie von Chancen - in den Minuten 59, 67, 68, 78 und 91 tauchte sein Name in den Notizblöcken der Reporter auf. Irgendwann musste der Ball ja rein. Und das tat er dann auch, in der 95. Minute, nach einem Pass des erfahrenen George Grantham. 0:2. Der Schlusspunkt. "Ich hatte schon vorher zwei, drei gute Gelegenheiten, aber der Ball wollte einfach nicht", sagte Hougaard mit einem breiten Lächeln, das so ehrlich war, dass man ihm fast das Trikot abkaufen wollte. "Dann dachte ich mir, okay, letzte Minute - warum nicht noch einmal probieren?" Rodos reagierte mit einer Mischung aus Frust und Fatalismus. Emilio Ortiz sah in der 62. Minute Gelb, vielleicht weil er einfach mal ein Zeichen setzen wollte. Doch das Zeichen ging im Lärm unter. "Wir wollten aggressiver sein, aber irgendwie waren wir nur lauter", seufzte Kapitän Robert Kunkel. Man konnte den Unterschied in jeder Statistik lesen: 22 zu 5 Torschüsse, 56 zu 44 Prozent gewonnene Zweikämpfe zugunsten der Gäste. SC Fyn spielte, als wäre die Europaliga-Qualifikation ihr persönlicher Sommerurlaub - fröhlich, frei, erfolgreich. Rodos dagegen wirkte, als hätte es das Flugticket in die nächste Runde schon stornieren lassen. Trainer Blinders fasste es am Ende sarkastisch zusammen: "Wir haben uns bemüht, das Spiel spannend zu halten - für die neutralen Zuschauer. Leider waren die meisten im Stadion für uns." Und tatsächlich: Die Fans gingen enttäuscht, aber nicht ohne Humor. Ein älterer Herr auf der Tribüne meinte beim Hinausgehen: "Wenn wir wenigstens einmal aufs Tor geschossen hätten, hätte sich der Eintritt gelohnt." Sein Enkel antwortete trocken: "Haben wir doch. Fünfmal." So bleibt am Ende ein klarer Sieg für SC Fyn, der sich mit jugendlicher Frische und dänischer Effizienz an die Spitze seiner Qualifikationsgruppe schießt. Für Rodos hingegen heißt es: Sonne tanken, Wunden lecken, und hoffen, dass beim nächsten Spiel nicht wieder ein Munch und ein Hougaard auftauchen, um den Inseltraum zu zerstören. Man könnte sagen: Der SC Fyn kam, sah und schoss - Rodos schaute, seufzte und verlor. 22.11.643993 21:50 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum