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Es war einer dieser Abende auf der Insel Fyn, an denen der Wind durch die Tribünen pfeift, die Würstchen heißer sind als das Spiel - und doch am Ende alle mit einem Grinsen nach Hause gehen. 45.407 Zuschauer sahen ein 2:0 des SC Fyn gegen Fremad Amagher, das sich erst spät entschied, aber wie ein gereiftes Rotweinspiel schmeckte: kräftig, mit Nachhall. Von Beginn an machte der SC Fyn klar, dass man heute lieber den Ball als den Gegner laufen lassen wollte. "Wir wollten offensiv bleiben, auch wenn’s weh tut", sagte Trainer Luis Pinheiro später mit einem Schmunzeln. Und weh tat’s - vor allem den Zuschauern, die in der ersten Halbzeit 14 Fyn-Torschüsse sahen, aber kein Tor. Otto Ahmed prüfte in der 4. Minute Gäste-Keeper Claus Due, Malik Özmen schoss in der 8. und 9. Minute gleich zweimal aus ähnlicher Position - immer wieder stand ein grün-weißer Fuß dazwischen. Amagher dagegen? Drei Torschüsse im ganzen Spiel. Dafür 53 Prozent Ballbesitz - eine Statistik, die wahrscheinlich nur Ballliebhaber erfreuen konnte. "Wir hatten viel Ball, aber irgendwie immer am falschen Ort", seufzte Amaghers Mittelfeldmann Jean Ouellet nach dem Spiel. Zur Pause 0:0, Luis Pinheiro verschwand tief in den Katakomben, angeblich mit einem Flipchart und der Ansage: "Ich male euch jetzt das Tor, das ihr treffen sollt." Es half. In der 65. Minute wurde der Bann gebrochen - und das ausgerechnet durch einen Innenverteidiger. Nach einer Ecke von Malik Özmen stieg Herman Abramson am höchsten und wuchtete den Ball in die Maschen. Der 33-Jährige, sonst eher mit Grätschen beschäftigt, rannte jubelnd zur Bank, rutschte auf den Knien - und grinste hinterher: "Ich hab’ einfach vergessen, dass ich Verteidiger bin." Danach wurde das Spiel offener, was allerdings weniger an Amagher lag als an Fyns unbändigem Drang, das Ergebnis auszubauen. Jay Clarke und Alexander Cantwell schossen aus allen Winkeln, Santiago Velazquez nahm Maß aus 25 Metern - alles ohne Erfolg. Erst in der Nachspielzeit, als Fremad längst alles nach vorn warf (also zwei Leute), machte der eingewechselte Finn Buch den Deckel drauf. In der 96. Minute schob der 20-Jährige nach feinem Zuspiel von Cantwell eiskalt ein. "Ich hatte eigentlich schon Krämpfe", gestand Buch später, "aber Alexander hat so schön geschaut - da musste ich einfach laufen." Der junge Stürmer wurde nach dem Abpfiff von den Fans gefeiert, während sein Trainer trocken meinte: "Das war das längste Sprintduell seiner Karriere." Fyns Auftritt war statistisch einseitig wie eine Mathearbeit: 28:3 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe, dazu ein souveräner Torhüter Simon Marcussen, der in den wenigen brenzligen Momenten die Ruhe selbst blieb. Fremad Amagher versuchte es zwar mit gepflegtem Kurzpassspiel - aber ohne Zug, Pressing oder Plan B. Ihr Trainer kommentierte es später mit nordischer Lakonie: "Wir wollten ruhig bleiben. Vielleicht zu ruhig." Ein kleiner Moment für die Geschichtsbücher ereignete sich in der 83. Minute: Der 17-jährige Gerd Christensen wurde eingewechselt - und räumte in seinen wenigen Minuten so kompromisslos ab, dass das Publikum "Gerd, Gerd!" skandierte. "Ich wusste gar nicht, dass man mich schon kennt", sagte der Teenager, noch mit Staub im Gesicht. Als Schiedsrichter Sörensen nach 96 Minuten abpfiff, stand das Stadion - ein bisschen wegen des Sieges, ein bisschen wegen der Erleichterung, dass die Geduldsprobe endlich vorbei war. "Wir haben heute gezeigt, dass wir auch ohne Glück gewinnen können", sagte Pinheiro mit einem Augenzwinkern, "weil’s einfach kein Glück war." Und so bleibt der SC Fyn seiner Linie treu: offensiv, kämpferisch, ein bisschen chaotisch - aber am Ende erfolgreich. Fremad Amagher dagegen fährt mit hängenden Köpfen und einem Ballbesitzrekord heim, der in keiner Tabelle Punkte bringt. Vielleicht fasste es Verteidiger Abramson am besten zusammen, als er sich nach dem Spiel beim Rausgehen die Schuhe auszog und in die Mikrofone grinste: "Zwei Tore, null Gegentore - und ich hab eins gemacht. Heute kann mich nicht mal meine Frau kritisieren." Ein Satz, der in Odense wohl noch eine Weile zitiert wird - zumindest bis zum nächsten Heimspiel. 04.10.643990 07:14 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum