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Es war einer dieser Abende, an denen die 50.845 Zuschauer im Stadion von Odense spürten, dass Fußball keine Mathematik ist. Nach 90 Minuten und ein bisschen Nachspielzeit gewann der SC Fyn am 10. Spieltag der 1. Liga Dänemark mit 2:1 gegen Aarhus Fremad - ein Ergebnis, das so knapp wie verdient war. Dabei begann alles recht trostlos aus Sicht der Gastgeber. Aarhus übernahm früh die Kontrolle, hatte 57 Prozent Ballbesitz und spielte die erste halbe Stunde, als wollten sie das Spielfeld gleich mit nach Hause nehmen. Besonders der rechte Flügel mit Javier Ibano war kaum zu bremsen. Der 23-Jährige machte in der 23. Minute dann auch das, was man bei so vielen Vorstößen irgendwann erwartet: Er traf. Nach einer butterweichen Vorlage des erfahrenen Sandor Radoki schlenzte er den Ball ins lange Eck - 0:1. Trainer Sascha Leon sprang jubelnd an die Seitenlinie, während SC-Fyn-Coach Luis Pinheiro nur trocken murmelte: "Manchmal braucht man einen Weckruf mit Pfiff." Der kam. Nur dauerte er eine gute halbe Stunde. Bis dahin sah Fyns Offensive eher aus wie ein Navigationsgerät ohne GPS-Signal. Bent Johansson versuchte aus der Distanz, Egil Sommer köpfte vorbei, und Aitor Marco winkte frustriert ab. "Wir hatten Chancen, aber das Tor schien kleiner als sonst", sagte Marco später mit einem Grinsen. In der zweiten Hälfte änderte sich das Bild. Aarhus blieb gefährlich, doch SC Fyn wirkte entschlossener, bissiger, fast trotzig. Besonders Bent Johansson auf der linken Seite brachte nun Schwung ins Spiel. In der 64. Minute war es dann so weit: Johansson tanzte sich durch zwei Gegenspieler, passte quer - und Otto Ahmed drückte den Ball über die Linie. 1:1. Ein Tor, das den Funken zündete. "Ich wusste, Bent würde den Ball bringen", sagte Ahmed später. "Er hat dieses verrückte Lächeln, wenn er Platz sieht." Aarhus wirkte davon sichtlich irritiert. Das Team, das zuvor souverän verteidigt hatte, verlor plötzlich die Ordnung. Urban Albrechtsen, erst kurz vor der Pause eingewechselt, holte sich in der 72. Minute prompt Gelb ab, nachdem er Ahmed rustikal in die Werbebande befördert hatte. "Ich wollte nur den Ball spielen", verteidigte sich Albrechtsen nach dem Spiel. Der Ball sah das wohl anders. In der 85. Minute kam dann der Moment, der das Stadion explodieren ließ: Ophir Naphtali flankte von rechts, und Aitor Marco, der schon die ganze Partie an seine Grenzen rannte, traf per Kopf zur 2:1-Führung. Der Jubel kannte keine Grenzen - Marco riss die Arme hoch, Pinheiro sprintete ein paar Meter die Seitenlinie entlang, und die Fans sangen, als gäbe es kein Morgen. "Das war pure Erleichterung", sagte Pinheiro später. "Wir haben gekämpft, und das war die Belohnung." Die letzten Minuten waren ein Nervenkrieg. Aarhus warf alles nach vorne - elf Mann im Angriff, gefühlt auch der Busfahrer. Javier Ibano, bis dahin auffälligster Mann, wurde in der 85. Minute ausgewechselt. Vielleicht eine taktische Fehlentscheidung, vielleicht einfach Müdigkeit. Sein junger Ersatz Kai Klausen kam zwar mit frischer Energie, doch Fyns Abwehr um Alberte Jessen hielt stand. In der Nachspielzeit brachte Pinheiro noch den 19-jährigen Bo Christiansen - ein symbolischer Wechsel, um Zeit zu schinden und vielleicht auch, um den eigenen Puls runterzufahren. Und tatsächlich: Nach 94 Minuten pfiff der Schiedsrichter ab. 2:1. Das Stadion vibrierte, die Spieler lagen sich in den Armen. Statistisch gesehen hätte Aarhus den Sieg eher verdient gehabt: 16 Torschüsse gegenüber 13, mehr Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote. Aber Fußballstatistiken sind wie Horoskope - interessant, aber selten entscheidend. Der Unterschied lag im Willen, und der gehörte eindeutig dem SC Fyn. Trainer Sascha Leon von Aarhus nahm es sportlich: "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber nicht entschieden. Und wer seine Chancen nicht macht, bekommt eben eins auf die Mütze." Sein Kollege Pinheiro konterte lachend: "Heute hatten wir das Glück des Tüchtigen - und einen Bent Johansson mit Waden aus Stahl." So bleibt der SC Fyn in der Spur und Aarhus Fremad muss sich fragen, wie man ein Spiel verliert, das man fast eine Stunde lang in der Tasche hatte. Vielleicht, weil Taschen manchmal Löcher haben. Ein Abend, der wieder einmal bewies, dass Fußball keine Wissenschaft ist - sondern ein wunderbar unberechenbares Stück Theater. 26.05.643987 10:42 |
Sprücheklopfer
Lorant ist von seinem Niveau her bei einem Verein, der sein Niveau hat.
Oliver Kahn