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Wer an diesem lauen Märzabend im Estádio Bruno José Daniel nur wegen des Flutlichts kam, bekam gleich doppelt was geboten: Licht und Leidenschaft. AD Santo André besiegte vor 32.644 begeisterten Zuschauern Atletico Ceara mit 2:1 (1:1) und machte damit einen weiteren Schritt in Richtung Tabellenmittelfeld. Trainer Alexander Pachmann grinste nach dem Schlusspfiff zufrieden: "Ich hab den Jungs gesagt, heute müsst ihr mal wieder Spaß am Spiel haben - und siehe da, sie hören ausnahmsweise auf mich." Dabei begann das Spiel alles andere als gemütlich. Schon in der fünften Minute prüfte Silvestre Viana den Santo-André-Keeper Caio Santos mit einem strammen Linksschuss - Warmmachen auf brasilianisch. Doch dann übernahmen die Hausherren das Kommando: 57 Prozent Ballbesitz, 20 Torschüsse und eine offensive Grundordnung, die eher an einen Straßenumzug erinnerte als an taktische Disziplin. In der zehnten Minute wurde dieser Mut belohnt: Amit Tamuz, der Motor im Mittelfeld, zog aus gut 20 Metern ab - und der Ball zappelte im Netz. Frederic Greaves hatte zuvor klug aufgelegt. "Ich hatte eigentlich einen Pass übersehen", witzelte Tamuz später, "aber wenn’s reingeht, war’s natürlich Absicht." Ceara reagierte, wie man es von einem Team erwartet, das von André Rei trainiert wird - mit ruhigem Aufbau und gelegentlichem Chaos. Filipe Nene versuchte es zwischen der 18. und 30. Minute gleich mehrfach, aber seine Schüsse fanden eher den Weg auf die Tribüne als ins Tor. Dennoch: kurz vor der Pause traf Silvestre Viana nach Vorarbeit von Mario Barros zum 1:1. Ein Treffer aus dem Nichts, aber mit Wucht und Willen. Rei ballte die Faust, Pachmann warf seine Wasserflasche, und das Publikum brummte: Ein Spiel war geboren. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste endete - mit viel Santo André. Paulo Garcia, der bis dahin eher als Wirbelwind denn als Vollstrecker auffiel, scheiterte zunächst mehrfach, ehe er in Minute 62 seine Erlösung fand. Nach schöner Vorarbeit des jungen Leandro Ze Castro drosch Garcia den Ball unter die Latte, als wolle er die Querlatte bestrafen. 2:1, Stadion in Ekstase. "Ich hab gar nicht gesehen, wie er rein ging", gestand Garcia später lachend. "Ich hab nur den Lärm gehört - und dann lag ich unter fünf Mitspielern." Ceara versuchte danach, Struktur zu finden, doch die rote Karte gegen Antonio Maniche in der 73. Minute machte alle taktischen Pläne zunichte. Der Mittelfeldmann hatte offenbar vergessen, dass Grätschen mit gestrecktem Bein auch in Brasilien ungern gesehen wird. "Er hat den Ball getroffen", verteidigte Trainer Rei seinen Schützling, "leider war dazwischen noch ein Stück Gegner." Mit einem Mann weniger blieb Ceara harmlos. Selbst eine späte Einwechslung des 18-jährigen Adriano Miguel brachte keine Wende, und Torwart Tonel musste in der 90. Minute sogar noch vom jungen Barbosa ersetzt werden - vielleicht mehr aus pädagogischen Gründen. Santo André spielte die letzten Minuten routiniert herunter. Tamuz verteilte Bälle, als würde er sie verschenken, und Kapitän Ethan Haddington brüllte seine Abwehrkollegen so laut zusammen, dass man ihn vermutlich noch in São Paulo hörte. Nur einmal geriet das Publikum in Schnappatmung, als Viana in der Nachspielzeit an der Strafraumkante abzog - doch Santos war zur Stelle. Danach war Schluss, und Pachmann machte einen kleinen Hüpfer, der wohl als Tanz durchging. "Wir haben viel investiert, aber auch viel Spaß gehabt", resümierte der Coach. "Manchmal reicht das im Fußball." André Rei dagegen stapfte wortlos in die Kabine, nur ein "Wir sehen uns im Rückspiel" war noch zu hören - halb Drohung, halb Versprechen. Statistisch war das Ergebnis verdient: 20:7 Torschüsse, 57 Prozent Ballbesitz, mehr Zweikämpfe gewonnen - Santo André war klar überlegen. Und doch war es eines dieser Spiele, die in Erinnerung bleiben, weil sie alles bieten: Tore, Karten, Emotionen und ein bisschen Wahnsinn. Oder, wie es ein Zuschauer beim Hinausgehen formulierte: "Wenn Santo André so weiterspielt, müssen sie bald Eintritt für die Show verlangen." Ein Satz, der an diesem Abend wohl niemandem widersprochen hätte. 18.07.643993 12:38 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum