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Es war einer dieser Abende, an denen 43.500 Zuschauer im Estadio de la Concha das Gefühl hatten, sie säßen mitten in einem Fußballdrama - irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn. Der FC San Sebastian besiegte Racing Santander mit 2:1 (1:1), und vieles daran war ebenso wild wie wunderbar. Schon in der Anfangsphase ließ sich erahnen, dass beide Mannschaften ihre Taktikbücher wohl in der Kabine vergessen hatten. Nur 60 Sekunden waren gespielt, da prüfte Joao Assis den Gästetorwart mit einem satten Schuss - ein Weckruf für alle, die noch auf ihren Sitzkissen nach der richtigen Haltung suchten. "Ich dachte, wenn ich früh treffe, können wir’s gemütlich angehen", grinste Assis später. Gemütlich wurde es allerdings nie. Nach 15 Minuten explodierte das Stadion: Paulo Quaresma, der quirlig-unkontrollierbare Flügelmann, drosch den Ball nach Zuspiel von Gai Chouraqui humorlos unter die Latte. 1:0 für San Sebastian - und Trainer Daniel Derksen sprang so hoch, dass selbst der vierte Offizielle kurz das Foulspiel witterte. Doch Racing Santander war keineswegs beeindruckt. Im Gegenteil: Die Gäste übernahmen zunehmend das Kommando, ließen den Ball laufen, als hätten sie eine stille Wette über Ballbesitzquoten abgeschlossen (am Ende 54,5 Prozent zu 45,5). Pierre Hamlin und Emilio Urrutia prüften Torwart Pierre Guillory mehrfach, ehe in der 29. Minute David Niguez nach Vorlage des jungen Juanito Ruiz zum verdienten Ausgleich traf. Ein Schuss, so trocken wie ein kastilischer Wein. "Da haben wir kurz geschlafen", murmelte Derksen später, "aber wenigstens nicht geschnarcht." In der Tat wachte seine Mannschaft rechtzeitig wieder auf, um das Spiel offen zu halten. Santander aber blieb gefährlicher: 16 Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache. Nur das Ergebnis wollte nicht mitreden. Nach der Pause wurde es kurios. Santanders Torwart Martin Gimenez musste in der 59. Minute vom Platz - ob verletzungsbedingt oder aus taktischen Gründen, wusste zunächst niemand so genau. "Er hat irgendwas am Stolz", witzelte Gästecoach Florian Kappels, der den 20-jährigen Ernesto Mino einwechselte. Gleichzeitig brachte er zwei blutjunge Offensivkräfte: Oscar Cruz und David Godino. Mutig, aber riskant. San Sebastian lauerte unterdessen weiter auf Konter. Und genau einer davon führte in der 71. Minute zum entscheidenden Schlag: Chouraqui eroberte den Ball im Mittelfeld, leitete weiter zu Michele Ferrari - der sah den startenden Quaresma, und der Rest war pure Effizienz. 2:1. Wieder dieser Quaresma, wieder präzise wie ein Uhrwerk aus Porto. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand der Doppeltorschütze später mit einem Grinsen. "Aber manchmal hört der Ball einfach auf mich." Racing stemmte sich gegen die Niederlage, drückte, flankte, schoss - doch Torwart Guillory stand wie eine Wand, und selbst als Juanito Ruiz in der 81. Minute Gelb sah, blieb der Glaube der Gäste unerschütterlich. In der Schlussphase sah Felipe Helguera noch Gelb (92.), und Trainer Kappels tobte an der Seitenlinie: "Das war kein Foul, das war Höflichkeit!" San Sebastian brachte den Vorsprung über die Zeit, auch weil Derksen mit jugendlichem Mut wechselte: Der 19-jährige Alex Juarez kam für Dubois, der 18-jährige Cesar Pero durfte für Juan Pablo Yague ran - und beide liefen, als hätten sie Energydrinks intravenös bekommen. Am Ende blieb der Jubel groß, der Schweiß reichlich und das Lächeln breit. "Wir haben gezeigt, dass Kampfgeist schöner ist als Ballbesitz", sagte Derksen, der selten so zufrieden wirkte. Santanders Trainer Kappels hingegen murmelte: "Wenn Schönheit Punkte brächte, hätten wir gewonnen." Die Statistik unterstreicht, wie eng es war: 15 Torschüsse für San Sebastian, 16 für Santander, nahezu ausgeglichene Zweikampfwerte (49,7 zu 50,3 Prozent). Doch Fußball ist bekanntlich keine Statistik, sondern eine Laune der Götter - und an diesem Abend waren sie blau-weiß gekleidet. Vielleicht war es kein perfektes Spiel, aber es war ein ehrliches. Voller Tempo, Emotionen und ein bisschen Chaos. Oder, wie Paulo Quaresma beim Hinausgehen sagte: "Manchmal muss man einfach zweimal treffen, damit’s ruhig wird." Und ruhig wurde es tatsächlich - zumindest für eine Nacht in San Sebastian. 23.07.643987 04:43 |
Sprücheklopfer
Wenn es einmal hart auf hart kommt, kommt es meistens ganz hart.
Jens Jeremies