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Ein Fußballabend auf den Kanaren, lauer Wind, 40.565 Zuschauer im Estadio del Sol - und ein Spiel, das die Temperamente so schnell erhitzte wie der Asphalt vor dem Stadion. Am Ende stand ein 2:3 (2:1) zwischen Lanzarote CF und dem FC San Sebastian, das nicht nur wegen der Tore, sondern auch wegen einer roten Karte für Gesprächsstoff sorgte. Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen für die Gastgeber. Schon in der 9. Minute stellte Pierre Bisson, jung, schnell und offenbar mit einem Radar im Fuß ausgestattet, den 1:1-Ausgleich her, nachdem San Sebastians Linksverteidiger Freddie Onnington zuvor mit einem kuriosen Schlenzer aus spitzem Winkel die Gäste in Führung gebracht hatte. "Ich weiß selbst nicht, warum ich da geschossen habe", grinste Onnington später. "Vielleicht, weil keiner auf mich aufgepasst hat." Lanzarote reagierte wütend - und effektiv. In der 23. Minute zirkelte René Oklestek nach Vorarbeit des flinken James Young den Ball ins lange Eck. 2:1, das Stadion tobte, Trainer Meister Leverkusen klatschte so energisch, dass sein Notizblock auf den Rasen segelte. "Da war richtig Feuer drin", sagte er später. "Leider haben wir uns in der zweiten Halbzeit selbst gelöscht." Denn kaum war der Pausentee geleert, kippte das Spiel. San Sebastian kam mit einer gehörigen Portion Angriffslust aus der Kabine. Daniel Derksen, der Trainer der Gäste, stellte auf Offensive um - und das mit Wirkung: In der 51. Minute traf Christian Dubois nach Vorlage von Mirko Warzycha zum 2:2. Nur eine Minute später legte Gai Chouraqui, der Dauerläufer im zentralen Mittelfeld, zum 3:2 nach. Dubois diesmal als Vorbereiter. "Wir wollten zeigen, dass wir Fußball spielen können, nicht nur verteidigen", sagte Derksen später mit einem süffisanten Lächeln. "Und vielleicht hat Lanzarote gedacht, dass 45 Minuten reichen." Statistisch gesehen war es ein Spiel auf Augenhöhe - zumindest, wenn man beide Hälften einzeln betrachtet. 51,8 Prozent Ballbesitz für San Sebastian, 48,2 für Lanzarote. 16 zu 9 Torschüsse. Doch die zweite Halbzeit gehörte klar den Basken, die den Ball laufen ließen, während Lanzarote zunehmend an Struktur verlor. In der 66. Minute versuchte James Young mit einem beherzten Distanzschuss, den Ausgleich zu erzwingen, aber Gästekeeper Pierre Guillory lenkte den Ball spektakulär über die Latte. "Ich hab nur gehofft, dass er mich trifft", scherzte Guillory später. Danach wurde es hitzig. Lanzarote drängte, spielte aber mehr mit Emotion als mit Plan. In der 87. Minute flog Miroslav Despotovic nach einem ungestümen Einsteigen vom Platz. Der Verteidiger stapfte mit hochrotem Kopf vom Feld, während Trainer Leverkusen sich die Haare raufte. "Das war’s dann wohl", murmelte er in die Reportermikrofone. Die letzten Minuten waren ein wilder Mix aus Verzweiflung und Hoffnung. In der Nachspielzeit (92.) versuchte James Young noch einmal sein Glück, doch der Ball strich knapp vorbei. "Ich dachte, der Ball will einfach nicht rein", sagte der Engländer später und grinste bitter. Als der Schlusspfiff ertönte, jubelten die Gäste, während die Heimfans mit einem resignierten "Otra vez" (Schon wieder!) auf den Rängen seufzten. Lanzarote hatte eine 2:1-Führung verspielt, und das auf der eigenen Vulkaninsel. "Wir haben das Spiel in der Kabine verloren", fasste Trainer Leverkusen zusammen. "Manche dachten wohl, Sonnenuntergang ist gleich Spielende." Sein Gegenüber Derksen konnte sich einen letzten Seitenhieb nicht verkneifen: "Wenn Lanzarote so weiterspielt, brauchen sie bald Sonnencreme für die zweite Liga." Was bleibt? Ein mitreißendes Spiel, vier Traumkombinationen, ein Platzverweis und die Erkenntnis, dass selbst ein leichtes Lüftchen auf den Kanaren einen Sturm im Strafraum entfachen kann. San Sebastian nimmt drei Punkte mit aufs Festland - Lanzarote bleibt nur der Trost, dass der Strand gleich nebenan liegt. Und vielleicht denkt Miroslav Despotovic dort beim Sonnenuntergang über seine Grätsche nach. Oder über das, was sein Trainer auf der Pressekonferenz trocken sagte: "Nächstes Mal spielen wir wieder mit elf. Vielleicht hilft das." 25.06.643993 19:28 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer