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An einem kühlen Februarabend in Erfurt glühte der Rasen im Steigerwaldstadion fast - 4.138 Zuschauer sahen, wie RW Erfurt am 7. Spieltag der Oberliga H mit 3:1 gegen Wormatia Worms gewann. Ein Ergebnis, das sich liest wie eine klare Angelegenheit, aber die Geschichte dahinter hatte ihre eigene Dramaturgie - inklusive jugendlicher Unbekümmertheit, routinierter Kaltschnäuzigkeit und einem Trainer, der nach dem Abpfiff mehr lachte als sprach. "Ich hab’ nur gesagt: Spielt einfach Fußball", grinste Erfurts Trainer Mario Pingel nach dem Spiel, und seine Jungs befolgten die Anweisung auf ihre Weise - mit 16 Torschüssen, 52 Prozent Ballbesitz und einer Menge Spielfreude über die Flügel. Schon früh drängten die Erfurter nach vorn. Der 21-jährige Carsten Lange prüfte in der 2. Minute Wormatia-Keeper Felix Moser mit einem satten Linksschuss - noch hielt der Schlussmann. Doch in der 29. Minute war es dann soweit: Nach feinem Zuspiel von Linksverteidiger Oscar Hausmann zimmerte Lange den Ball trocken ins rechte Eck. 1:0, und die Stehtribüne jubelte, als hätte man gerade die Champions League gewonnen. Aber Wormatia war nicht zum Zuschauen angereist. Nur vier Minuten später schlug der Gast zurück. Johannes Winter legte clever quer, und Fabian Hauser schob zum 1:1 ein. "Das Tor war ein bisschen zu einfach", knurrte Pingel später, "aber gut, Spannung gehört wohl dazu." Bis zur Pause blieb das Spiel offen. Worms zeigte sich mutig, spielte - wie es ihre offensive Ausrichtung vermuten ließ - mit breiter Brust nach vorn, doch die Abschlüsse fehlten an Präzision. Die Erfurter Defensive um Christophe Marchand und den jungen Hausmann hielt stand, auch wenn Keeper Horst Schramm einmal lautstark "Männer, wach bleiben!" brüllte, als Simon Röder gefährlich durchstartete. Nach dem Seitenwechsel übernahm RW Erfurt endgültig das Kommando. Die Flügelspieler Ronald Winter und Oliver Reimann wirbelten, als hätten sie Koffein intravenös bekommen. Besonders Winter war kaum zu halten - und wurde in der 68. Minute belohnt: Wieder war es Hausmann, der über links kam und präzise in den Rückraum legte. Winter zog ab, der Ball schlug unhaltbar unten links ein. 2:1 - die Erfurter Bank jubelte, Pingel ballte die Faust. Wormatia versuchte zu antworten, doch das Pressing blieb halbherzig. "Wir wollten eigentlich Druck machen, aber irgendwie war die Luft raus", gestand Gäste-Trainer Detlev Lindner. Seine Mannschaft kam nur noch sporadisch zu Chancen - die beste vergab Sebastian Schilling in der 85. Minute, als sein Schuss aus 20 Metern knapp über die Latte flog. Dazwischen hatte ein 17-Jähriger seinen großen Moment: Dieter Greiner, bis dahin mit viel Laufarbeit, aber wenig Fortune, bekam in der 77. Minute den Ball von Lucas Scherer serviert und zog ab. Flach, präzise, ins Glück. 3:1 - das Stadion bebte, und Greiner wurde von den älteren Kollegen fast erdrückt. "Ich hab nur die Augen zugemacht und gehofft, dass er reingeht", lachte der Youngster später, sichtlich verlegen. In den letzten Minuten verwaltete Erfurt den Vorsprung souverän. Ballbesitz, Passspiel, Routine - und ein Publikum, das sich bei jeder gelungenen Ballstafette in Verzückung klatschte. Die Statistik sprach am Ende Bände: 16:7 Torschüsse, 52 Prozent Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote - die Zahlen eines verdienten Siegers. Wormatia Worms hingegen blieb kämpferisch, aber glücklos. Der offensive Ansatz, den Lindner seiner Mannschaft verordnet hatte, verpuffte in der zweiten Halbzeit im Erfurter Mittelfeldpressing. "Wir haben es versucht, aber Erfurt war heute einfach griffiger", resümierte Lindner nüchtern. Als der Abpfiff ertönte, fielen die Erfurter Spieler einander in die Arme. Trainer Pingel, inzwischen heiser vom Dirigieren, fasste zusammen: "Das war nicht perfekt, aber leidenschaftlich. Und Leidenschaft schlägt Taktik - zumindest heute." Vielleicht war es genau das, was die Zuschauer an diesem grauen Februarabend wärmte: ein Team, das mit Mut, Witz und jugendlicher Energie Fußball spielte, der Spaß machte. Und wenn man ehrlich ist - in Erfurt darf man wieder ein bisschen träumen. Denn wenn 17-Jährige treffen, 21-Jährige flügeln und der Trainer lacht, dann stimmt in der Oberliga H gerade ziemlich viel. 18.08.643990 22:35 |
Sprücheklopfer
Man sollte die Presse nicht wichtiger machen, wie sie wichtig gemacht wird.
Lothar Matthäus