// Startseite
| US Sports |
| +++ Sportzeitung für USA +++ |
|
|
|
Es war 20 Uhr Ortszeit, Flutlicht, 47.839 Zuschauer - und wohl niemand ahnte, dass das Stadion der Cincinnati Royals an diesem Freitagabend zur Bühne einer kleinen Fußball-Eskapade werden würde. 7:1 hieß es am Ende gegen die Charleston Gunners, die zwar mit mehr Ballbesitz (54 Prozent!) anreisten, aber offenbar vergaßen, dass Tore nicht durch hübsches Passspiel, sondern durch Treffer auf der Anzeigetafel entstehen. Dabei fing alles gar nicht so schlecht an für die Gäste. In der 14. Minute zappelte der Ball im Netz der Royals, nachdem der 20-jährige Xabi Morais aus der Distanz abgezogen hatte. "Ich dachte, das wird unser Abend", murmelte er später kopfschüttelnd, während er in die Katakomben trottete. Doch dieser Abend gehörte anderen. Joseph Corey, der routinierte linke Mittelfeldspieler der Royals, glich in der 34. Minute aus - nach einem feinen Zuspiel von Jan Sestak. Kurz darauf, in der 43., drehte Robert Robinson das Spiel. Sein Treffer nach Vorarbeit von Corey war so präzise, dass man fast von geometrischer Kunst sprechen konnte. 2:1 zur Pause - und man ahnte bereits, dass Charleston einen langen zweiten Durchgang vor sich haben würde. "Ich hab in der Kabine gesagt: Jungs, hört auf, nett zu sein", verriet Cincinnatis Trainer Jürgen Mattes später mit einem breiten Grinsen. Und seine Mannschaft nahm ihn offenbar wörtlich. Was dann folgte, war kein Fußballspiel mehr - es war eine Demontage. Die Royals schossen aus allen Lagen, insgesamt 20 Mal aufs Tor, während die Gunners mit 4 zaghaften Versuchen kaum den gegnerischen Strafraum fanden. Und irgendwann brach der Damm: In der 75. Minute traf Guy Gagne zum 3:1, nach mustergültiger Vorlage von Goran Posavec. Drei Minuten später drehte Posavec selbst auf und netzte ein - diesmal vorbereitet von Verteidiger Callum Caviness. Jetzt war die Partie entschieden, aber die Royals hatten offenkundig noch Spaß. Jan Sestak erhöhte in der 89. Minute auf 5:1 - die Gunners verteidigten inzwischen mit der Körpersprache eines Teams, das lieber schon im Bus säße. Dann kam die Nachspielzeit. 91. Minute: Innenverteidiger Krassimir Donkow stürmte nach vorn und köpfte nach Flanke von Alexander Payne ein. 6:1. Und als der Stadionsprecher noch den Torschützen durchsagte, setzte Gagne in der 92. Minute den Schlusspunkt - erneut nach Zuspiel von Corey. 7:1. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", witzelte Payne später in der Mixed Zone. "Aber ich wusste: Irgendwer trifft hier sowieso wieder." Charlestons Trainer Jon Dpunkt wirkte dagegen, als hätte er gerade ein besonders langes Matheexamen hinter sich. "Wir hatten den Plan, defensiv kompakt zu stehen", seufzte er. "Das hat ungefähr bis zur 15. Minute funktioniert." Sein Team blieb über 90 Minuten bei der taktischen Ausrichtung DEFENSIVE mit COUNTER-Angriffen - nur, dass es keine Konter gab. Und während die Gunners sich brav an ihre Vorgabe hielten, spielten die Royals mit einer offensiven Grundordnung, die eher nach "Wir haben heute Bock" klang. Pressing? Nur wenn’s nötig war. Passspiel? Ausgewogen. Abschlussverhalten? Sicher, aber effizient. Bemerkenswert: Trotz des Offensivfeuerwerks hatte Cincinnati weniger Ballbesitz, was Trainer Mattes trocken kommentierte: "Ballbesitz ist was für Statistiker. Tore sind was für Sieger." Ein kleiner Schreckmoment noch kurz vor Schluss: Rechtsverteidiger Leon Ashton verletzte sich in der 91. Minute und musste behandelt werden. "Ich hab das 7:1 gar nicht mehr gesehen", grinste er später. "Aber ich hab’s gehört - laut genug war’s ja." So endet ein Spiel, das in Cincinnati wohl noch eine Weile Gesprächsthema bleiben wird. Sieben Tore, sechs verschiedene Vorlagengeber, ein glänzend aufgelegter Joseph Corey (ein Tor, zwei Vorlagen) und ein Team, das die pure Spielfreude ausstrahlte. Oder, wie Reporter-Kollege Marty Jones auf der Pressetribüne trocken meinte: "Wenn das noch länger gegangen wäre, hätten die Royals vermutlich den Ball mitgenommen - als Souvenir für die Gunners." Ein sarkastisches Resümee sei erlaubt: Die Charleston Gunners hatten den Ball, die Royals hatten den Spaß. Und manchmal ist das im Fußball eben der kleine, aber entscheidende Unterschied. 20.12.643987 17:55 |
Sprücheklopfer
Ich bin davon überzeugt, dass wir die, die nicht davon überzeugt sind, davon überzeugen werden.
Christian Ziege zur Skepsis vieler deutscher Fußballfans und -experten hinsichtlich des Abschneidens der DFB-Auswahl bei der WM 2002