// Startseite
| US Sports |
| +++ Sportzeitung für USA +++ |
|
|
|
Wenn ein Team beschließt, Fußball als Kunstform zu verstehen, und das andere eher als nervöse Bewegungstherapie, dann kommt so etwas heraus wie am 15. Spieltag der 1. Liga USA: Cincinnati Royals gegen Atlanta Gorillas, 6:0, ein Spiel, das 43.070 Zuschauer gleichermaßen begeisterte und mitleidig den Kopf schütteln ließ. Schon in der ersten Minute machten die Royals klar, dass sie nicht für ein gemütliches Abendprogramm angetreten waren. Samuel Bridges prüfte den jungen Torhüter Jozef Moravcik - 17 Jahre alt, frisch aus der Jugendakademie - mit einem satten Schuss, und das Publikum wusste: Hier bahnt sich was an. "Ich dachte, wir hätten einen guten Start", murmelte Atlantas Trainerin Anja Meister später, "bis ich merkte, dass ’guter Start’ bedeutet, dass wir noch keine drei Gegentore haben." In der 18. Minute dann die Erlösung - zumindest für die Zuschauer in königsblau: Guy Gagne, der rechte Wirbelwind der Royals, traf nach feinem Doppelpass mit Goran Posavec. Ein Tor wie aus dem Lehrbuch, und Gagne grinste hinterher: "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn’s schiefgeht, sieht’s wenigstens spektakulär aus." Tat es aber nicht. Danach spielten sich die Royals in einen Rausch. Atlanta, offiziell mit "offensiver Ausrichtung" gemeldet, schien vor allem offensiv beim Fehlpass. Nur 42 Prozent Ballbesitz, kein einziger Torschuss - man darf das ruhig als statistische Kapitulation bezeichnen. Bernardo Godino, der elegante Argentinier auf der linken Seite, machte zwischen Minute 41 und 45 kurzen Prozess: zwei Treffer in vier Minuten, beide eingeleitet vom unermüdlichen Innenverteidiger Krassimir Donkow, der offenbar beschlossen hatte, selbst Spielmacher zu sein. 3:0 zur Pause, und Trainer Jürgen Mattes gönnte sich ein Schmunzeln: "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen Spaß haben. Ich wusste nicht, dass sie das so wörtlich nehmen." In der zweiten Halbzeit wurde es nicht besser für die Gorillas - im Gegenteil. Alexander Payne, erst 24, aber mit der Coolness eines Altmeisters, traf doppelt (50. und 59. Minute). Einmal nach Flanke von Rechtsverteidiger Tyler Henderson, einmal nach feinem Zuspiel von Jan Sestak. Payne erklärte danach trocken: "Die Bälle kamen einfach so schön, da wollte ich sie nicht enttäuschen." Atlanta dagegen versuchte tapfer, wenigstens den Ball zu sehen. Manchmal gelang es. Meist nicht. Diego Manu, der einzige, der sich wehrte, kassierte in der 11. Minute die Gelbe Karte - vermutlich, weil er sich zu sehr nach Bewegung sehnte. Und dann, als sich die Royals mit 22 Torschüssen längst ausgetobt hatten, kam die 82. Minute: Joseph Corey, 33 Jahre alt und offenbar ewig jung, drosch den Ball aus 20 Metern ins Netz - 6:0. Tyler Henderson durfte sich erneut als Vorlagengeber feiern lassen. Der Rest war Schaulaufen. Mattes wechselte großzügig: Der 18-jährige Edward Hennessy durfte ran, ebenso der gleichaltrige Damian Guerrero. Selbst der Ersatztorwart Riley McAteer bekam ab Minute 53 Spielpraxis - ein Luxus, den sich sonst nur Basketballteams erlauben. Nach dem Spiel stand Anja Meister sichtlich gefasst vor den Kameras. "Wir haben heute viel gelernt", sagte sie, "zum Beispiel, dass man auch ohne Ballbesitz müde werden kann." Ihre junge Mannschaft, zum größten Teil Teenager, wirkte tatsächlich, als hätte sie ein Schulprojekt in angewandter Defensive hinter sich. Cincinnati dagegen feierte ausgelassen. Gagne tanzte mit Fans, Godino signierte Kindertrikots, Payne wurde zum "Man of the Match" gewählt. Trainer Mattes, gewohnt ironisch, fasste zusammen: "Wir haben Glück gehabt - dass das Spiel nach 90 Minuten zu Ende ist. Sonst wären’s vielleicht acht geworden." Faktisch war der Sieg nie in Gefahr. 57 Prozent Ballbesitz, 22 Schüsse, sechs Tore - das klingt nach Mathematik, fühlte sich aber nach Musik an. Die Royals spielten im OFFENSIVE-Modus, aber ohne Arroganz, stets mit einem Augenzwinkern. Atlanta hingegen? Kein einziger Schuss aufs Tor. Nicht einer. Selbst der Balljunge hatte mehr Ballkontakte. So endete ein Abend, der in Cincinnati wohl noch lange erzählt wird - und in Atlanta hoffentlich schnell vergessen ist. Oder, wie es Goran Posavec beim Verlassen des Stadions formulierte: "Manchmal ist Fußball einfach unfair. Heute war er wunderschön unfair." Ein königlicher Auftritt also - und ein Gorilla-Abend zum Vergessen. 03.08.643987 14:22 |
Sprücheklopfer
Es ist mir völlig egal, was es wird. Hauptsache, er ist gesund.
Mehmet Scholl als werdender Vater