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Am 7. Spieltag der Oberliga H erlebten die 3501 Zuschauer im Leverkusener Stadion einen dieser Abende, an denen Ballbesitz und schöne Pässe nichts zählen, wenn am Ende die Kugel einfach nicht reingeht. Rot-Weiss Essen gewann mit 2:0 (1:0) - und das, obwohl Leverkusen über weite Strecken das Spiel diktierte, aber das Toreschießen augenscheinlich aus dem Trainingsplan gestrichen hatte. Schon die ersten Minuten ließen die Richtung erkennen: Joshua Bruns prüfte in der 1. Spielminute Essens Keeper Guillermo Contreras, Caio Sa Pint legte in der 2. nach - doch die Null auf der Anzeigetafel blieb so hartnäckig wie der Februarregen. Während Leverkusen den Ball laufen ließ (57 % Ballbesitz sprechen eine deutliche Sprache), ließ Essen den Gegner gewähren - und wartete einfach auf die richtige Gelegenheit. In der 41. Minute war sie da. Maurice Harrington, gerade einmal 19 Jahre jung und mit einem Selbstbewusstsein, das man sonst nur bei Straßenkickern am Bolzplatz sieht, schloss einen schnellen Angriff über Nasreddin Sentürk eiskalt ab. 0:1! Statt Jubelrausch in der Heimkurve gab’s betretenes Schweigen und das Rascheln von Regenponchos. "Wir wussten, dass Leverkusen Räume lässt, wenn sie sich zu sicher fühlen", grinste Trainer Luca Orlando später im Interview. "Das haben die Jungs wunderbar ausgenutzt." Leverkusen bemühte sich, aber jedes Mal, wenn sie in den Strafraum kamen, war da entweder ein rotes Bein, ein nasser Ball oder einfach Pech. Vier kümmerliche Torschüsse in 90 Minuten - das ist in der Oberliga ungefähr so gefährlich wie ein nasser Wattebausch. Essens Defensive, jung, wild und erstaunlich abgeklärt, ließ kaum etwas zu. Florian Klaus, der mit 18 Jahren schon Gelb sah, spielte danach, als hätte er zehn Jahre Bundesliga-Erfahrung. Nach dem Seitenwechsel brachte Leverkusen zwar weiter Tempo ins Mittelfeld, aber das Spiel wirkte zunehmend ideenlos. "Wir haben viel Ballbesitz, aber wenig Biss gehabt", murmelte Leverkusens Kapitän Bernd Horn beim Abpfiff. "Das war heute wie Suppe ohne Salz." Essen dagegen schaltete clever. Orlando wechselte frisch und mutig - Lucas Thuringer, Phillip Berg und Phillip Lenz kamen, und sie brachten neuen Schwung. Besonders Martin Frey, der linke Verteidiger, machte mit seinen Vorstößen auf sich aufmerksam. In der 76. Minute kombinierte er sich mit Nick Richter durch die Leverkusener Abwehr - und Richter, der erst kurz zuvor wieder auf den Platz zurückgekehrt war, zimmerte den Ball aus gut 18 Metern in die Maschen. 0:2, Deckel drauf. Leverkusens Trainer (der sich nach der Partie demonstrativ hinter seine Mannschaft stellte, aber die Stirnfalte sprach Bände) erklärte: "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber nicht beherrscht. Essen war einfach effizient. Zwei Chancen, zwei Tore - das ist schon fast unverschämt." Während Leverkusens Angreifer Caio Sa Pint nach Abpfiff minutenlang auf den Rasen starrte, feierte Essen ausgelassen vor der kleinen Gästetribüne. Maurice Harrington wurde von seinen Teamkollegen im Matsch herumgeworfen, als hätte er gerade das Champions-League-Finale entschieden. "Ich wollte einfach draufhalten", sagte der Teenager lachend. "Und dann war der Ball drin. Ganz einfach, oder?" In den letzten Minuten versuchte Leverkusen noch einmal alles - Emanuele Mormanno zwang Contreras in der 86. Minute zu einer Glanzparade, aber das Tor blieb wie verhext. Rot-Weiss Essen hätte sogar noch erhöhen können, doch Sadun Dursun verzog in der 89. knapp. Am Ende standen zwölf Torschüsse und zwei Tore für Essen, vier Torschüsse und null Tore für Leverkusen - eine Statistik, die zeigt, dass Fußball eben kein Schönheitswettbewerb ist. "Wir sind jung, wir sind hungrig, und wir haben heute gezeigt, dass Wille manchmal wichtiger ist als Ballbesitz", fasste Orlando seine Mannschaft zusammen. Das passte zum Gesamtbild: aggressiv war Essen nie, aber zielstrebig bis zuletzt. Leverkusen dagegen muss sich fragen, wie man mit fast 60 % Ballbesitz so harmlos wirken kann. Vielleicht lag’s am Flutlicht, vielleicht am Druck, vielleicht einfach an der fehlenden Kaltschnäuzigkeit. Der Abend endete, wie er begonnen hatte: mit Regen, enttäuschten Gesichtern im Heimblock und jubelnden Essenern. Und irgendwo auf der Tribüne sagte ein älterer Fan trocken: "Ballbesitz gewinnt keine Spiele, Tore schon." Sollte Leverkusen nächste Woche wieder so auftreten, empfiehlt sich vielleicht ein Training mit dem Titel: "Wie man aus 57 % Ballbesitz wenigstens ein Tor macht." Essen hingegen darf träumen - vom nächsten Coup, von einer goldenen Generation, und vielleicht ganz heimlich vom Aufstieg. 07.08.643990 10:58 |
Sprücheklopfer
Wenn kein Sprit im Tank und die Birne leer ist, läuft nichts.
Rainer Calmund