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Es war einer dieser Abende an der Hafenstraße, an denen man sich fragt, ob hier eigentlich Fußball oder Jugendförderung betrieben wird. Rot-Weiss Essen, gespickt mit halbwüchsigen Talenten, spielte am 22. Spieltag der Oberliga H den großen Namen Leverkusen kurzerhand an die Wand. 4:1 hieß es am Ende - und die 3.609 Zuschauer gingen beschwingt in die Nacht. Dabei fing alles gar nicht so verheißungsvoll an. Schon in der sechsten Minute traf Leverkusens Emanuele Mormanno zur frühen Führung, eiskalt bedient von Tom Brand. "Da dachte ich: Oha, das wird ein langer Abend", gab Essens Trainer Luca Orlando später schmunzelnd zu. Doch das lange Gesicht hielt nur 17 Minuten. In der 23. Minute zog der 17-jährige Jose Valente nach einem Pass von Agemar Henrique ab - und das Leder zappelte im Netz. 1:1, und plötzlich war das Stadion wieder wach. Von da an spielte sich Rot-Weiss in einen Rausch. Die jungen Wilden kombinierten, als gäbe es kein Morgen. Besonders auffällig: der blutjunge Innenverteidiger Jewgraf Schalimow, der kurz vor der Pause nach einer Ecke von Nick Christ am höchsten stieg und das 2:1 markierte (43.). "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass ich den Ball treffe", grinste der 17-Jährige nach dem Spiel. Er traf - und wie. Nach dem Seitenwechsel versuchte Leverkusen, wieder Struktur ins Spiel zu bringen. Doch statt Struktur gab’s Karten: Joshua Bruns sah früh Gelb, Swen Holz kassierte erst Gelb (18.) und dann, in Minute 70, auch die Ampelkarte. "Ich wollte nur den Ball spielen", verteidigte sich Holz, während er in die Kabine stapfte. Der Schiedsrichter sah das anders - und Leverkusen musste zu zehnt weiterspielen. Essen nutzte die Überzahl gnadenlos. In der 67. Minute zirkelte Henrique das Leder aus 20 Metern unhaltbar ins Eck - 3:1. Der 19-Jährige war ohnehin der Mann des Spiels: ein Tor, zwei Vorlagen, und jede Menge feine Pässe im Mittelfeld. "Ich sag’s euch, der Junge hat Samba im Blut", flüsterte ein Fan auf der Tribüne, während Henrique die Arme zum Jubel hob. Leverkusen, ohnehin ohne Pressing und mit schwindender Energie, ergab sich nun seinem Schicksal. Trainer Orlando wechselte fleißig, brachte frische Beine - und verlor kurzfristig den 17-jährigen Martin Frey, der sich bei seinem Debüt verletzte (29.). "Er wollte gleich zeigen, dass er bereit ist, leider ein bisschen zu sehr", seufzte Orlando später. In der Nachspielzeit kam dann der Schlusspunkt, so schön wie überflüssig. Der geradezu unverschämt junge Miguel Travassos (17) traf nach Vorlage von - na klar - Henrique zum 4:1 (91.). Leverkusens Torhüter Joel Eckert warf noch einen resignierten Blick hinterher, bevor er sich das Netz zurechtrückte. "Das war Lehrgeld", murmelte Leverkusens Kapitän Klaus Lutz, 32 Jahre alt und damit doppelt so alt wie die meisten Gegenspieler. Trainer Orlando dagegen strahlte: "Ich sag’s ungern, aber manchmal macht Jugend einfach Laune. Die Jungs haben heute gezeigt, dass sie keine Angst haben - nicht vor großen Namen und schon gar nicht vor kalten Januarabenden." Auch die Statistik sprach eine klare Sprache: 16 Torschüsse für Essen, nur 5 für Leverkusen. 52 Prozent Ballbesitz, also auch kein Zufallstreffer. Der Sieg war verdient, die Stimmung ausgelassen. Nach dem Schlusspfiff schwärmten die Fans noch lange auf dem Platz, Selfies mit den jungen Helden inklusive. "Ich hab das Gefühl, die könnten auch morgen in der Bundesliga bestehen", meinte ein älterer Herr mit Schal und Glühwein in der Hand. Ein bisschen übertrieben vielleicht - aber wer wollte ihm an diesem Abend widersprechen? Rot-Weiss Essen hat mit diesem 4:1 nicht nur drei Punkte eingefahren, sondern auch ein Statement gesetzt: jung, mutig, frech - und mit jeder Menge Spaß am Spiel. Leverkusen dagegen wird sich fragen müssen, wie man gegen eine Teenagertruppe so alt aussehen kann. Oder, wie es Orlando beim Rausgehen formulierte: "Wir sind halt rot-weiß - und heute auch ein bisschen goldrichtig." 10.10.643987 19:41 |
Sprücheklopfer
Wichtig ist, dass wir auch kämpferisch überzeugen und nicht nur Eiskunstlaufen machen.
Rainer Calmund