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Essen - Es gibt Fußballabende, da läuft einfach alles. Und dann gibt es Abende wie diesen im Stadion an der Hafenstraße, an denen Rot-Weiss Essen gleich das ganze Feuerwerk abbrennt. Mit einem 5:0 (1:0) gegen die überforderten Gäste aus Schwäbisch Hall setzte die Mannschaft von Trainer Luca Orlando ein Ausrufezeichen am 4. Spieltag der Oberliga H - und das vor 3.604 begeisterten Zuschauern, die sich am Ende fragten, ob sie nicht versehentlich bei einem Vorbereitungsspiel zwischen Profis und Hobbyfußballern gelandet waren. Dabei begann alles noch vergleichsweise gemächlich. Essen hatte zwar früh die besseren Chancen - Maurice Harrington prüfte den gegnerischen Keeper in der 8. Minute, Sadun Dursun legte kurz darauf nach -, doch die Kugel wollte zunächst nicht ins Netz. Schwäbisch Hall verteidigte tapfer, wenn auch nicht immer elegant. Linksverteidiger Phillip Singer zeigte sich besonders engagiert - so engagiert, dass er bereits nach 15 Minuten Gelb sah. "Ich wollte nur den Ball treffen", erklärte er später mit einem Achselzucken. Der Ball allerdings war da schon längst weg. In der 38. Minute platzte dann der Knoten: Maurice Harrington vollendete nach feinem Zuspiel von Agemar Henrique zum 1:0. Ein Treffer wie aus dem Lehrbuch - und die Erlösung für die Gastgeber. "Ich hab’s einfach probiert, weil der Ball so schön lag", grinste Harrington nach dem Spiel. "Und weil ich gewusst hab, dass Coach Orlando sonst wieder sagt, ich soll mutiger werden." Kurz nach der Pause dann der Bruch im Spiel der Gäste. Phillip Singer, bereits verwarnt, holte sich in der 46. Minute Gelb-Rot - ein unnötiges Foul, irgendwo zwischen Verzweiflung und Selbstschutz. Von da an war Schwäbisch Hall in Unterzahl und praktisch ohne Chance. Trainer Sam Car kommentierte trocken: "Wir hatten uns vorgenommen, kompakt zu stehen. Nach dem Platzverweis war das dann eher... theoretisch." Essen roch Blut - und legte los. Zwischen der 74. und 86. Minute fielen vier Tore, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Zuerst traf der junge Miguel Travassos (74.) nach Vorarbeit von Eduard Iwanow - ein eiskalter Abschluss, der den Keeper Lennard Gabriel alt aussehen ließ. Nur acht Minuten später erhöhte der eingewechselte Arnaldo Repetto (82.) auf 3:0, ehe Sadun Dursun (85.) und schließlich Nick Richter (86., nach Zuspiel von Henrique) das Ergebnis in die Höhe schraubten. Fünf Tore, fünf verschiedene Torschützen - das sagt einiges über die Variabilität dieses Essener Kaders. "Wir haben viele junge Spieler, die einfach Bock haben", sagte Trainer Orlando nach der Partie und lachte. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn ihr schon alle 18 seid, dann spielt wenigstens wie Männer. Heute haben sie’s wörtlich genommen." Statistisch war die Sache eindeutig: 15 Torschüsse für Rot-Weiss Essen, nur einer für die Gäste. Der Ballbesitz war mit 51 zu 49 Prozent erstaunlich ausgeglichen, was allerdings mehr über Essens Effizienz als über Halls Offensivgeist aussagt. Im Zweikampf lag Essen mit knapp 59 Prozent ebenfalls vorn - und das, obwohl sie es nach der Pause fast gemütlich angingen. Zwischendurch gönnte sich das Publikum seinen Spaß. Als Miguel Travassos in der 69. Minute eine Großchance vergab, rief jemand von der Tribüne: "Mach ihn doch mit dem falschen Fuß, vielleicht klappt’s dann!" Travassos lachte - und traf beim nächsten Versuch. Ob Zufall oder Eingebung, das bleibt sein Geheimnis. Schwäbisch Hall dagegen wirkte zunehmend ratlos. "Wir haben uns vorgenommen, mutig zu spielen", sagte Trainer Car. "Aber Mut ohne Ball ist schwierig." Seine Spieler nickten betroffen, während sie in der Kabine auf die Statistik blickten: 1 Schuss aufs Tor, 0 Tore, 1 Platzverweis - ein Abend zum Vergessen. Für Rot-Weiss Essen hingegen war es ein Statement. Es war kein Zufall, dass die Taktik von Beginn an auf Offensive eingestellt war - Orlando ließ seine Jungs pressen, kombinieren und mit sicherem Kurzpassspiel dominieren. Selbst in den letzten Minuten, als andere längst den Schongang einlegen, setzten die Essener noch nach. "Wir wollten Spaß haben", meinte Nick Richter mit einem Grinsen. "Und wenn’s am Ende fünf sind - auch gut." Am Ende applaudierten die Fans stehend. 3.604 Menschen, die sich an einem kalten Februarabend die Hände wund klatschten - und das völlig zu Recht. Schwäbisch Hall verabschiedete sich mit gesenktem Haupt, während die Essener Spieler Arm in Arm vor der Kurve feierten. Eine Lehrstunde in Effizienz, jugendlicher Unbekümmertheit und - man darf’s sagen - schlicht besserem Fußball. Oder, wie ein Zuschauer beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wenn die so weitermachen, müssen sie bald in der Bundesliga Kaffee kochen." Und wer weiß - vielleicht war dieser 5:0-Abend ja wirklich der Anfang von etwas Größerem. 03.07.643990 17:28 |
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Bei uns wird auf dem Platz zu wenig gesprochen. Das könnte an der Kommunikation liegen.
Erich Ribbeck