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Es gibt Fußballspiele, die könnte man als "einseitig mit Hindernissen" beschreiben. Das Duell zwischen Rot-Weiß Halle und Davaria Davensberg am Dienstagabend gehörte zweifellos dazu. 3.668 Zuschauer im Halle-Stadion sahen ein Spiel, das mit 1:0 endete - und das war noch das gnädigste Urteil für die Gäste, die 90 Minuten lang so sehr unter Druck standen, dass selbst der Stadionsprecher irgendwann nur noch Mitleid in der Stimme hatte. Von Beginn an war klar, wer hier Chef im Ring sein wollte. Halle spielte mit 59 Prozent Ballbesitz, 25 Torschüssen und einer Geduld, die fast zen-buddhistische Züge hatte. Davensberg dagegen brachte es auf eine einzige nennenswerte Torannäherung - und die kam in der 91. Minute, als Albert Valdes aus 25 Metern abzog und Halles Torhüter Nikanor Dawydow wahrscheinlich nur deshalb eingriff, weil er sonst eingeschlafen wäre. "Wir haben das Spiel komplett kontrolliert", sagte Halles Trainer Luis Muriel, der mit einem Lächeln auf die Statistik verwies. "25 zu 1 Torschüsse - normalerweise ist das ein 4:0 oder 5:0. Aber anscheinend wollten die Jungs Spannung für die Zuschauer." Spannung war tatsächlich reichlich da - aber eher aus der Kategorie "Wie oft kann man den Ball am Tor vorbeischießen, bevor es peinlich wird?". Schon in der 10. Minute prüfte Diego Jordao den Davensberger Schlussmann Maurice Berndt erstmals. Dann schoss Daniel Brun (14., 18., 69., 78.) gefühlt viermal in dieselbe Richtung, nur eben nie ins Netz. Antonio Marano, der rechte Wirbelwind, verpasste gleich sieben Mal das Ziel - und holte sich in der 84. Minute dafür die Gelbe Karte, vielleicht aus Frust, vielleicht aus Übermut. "Ich weiß gar nicht, wie viele Chancen ich hatte", lachte Marano nach dem Spiel. "Irgendwann dachte ich, das Tor bewegt sich. Aber dann hat Eskil das erledigt." Gemeint war Eskil Ohlson, der in der 79. Minute endlich traf. Nach einem präzisen Zuspiel von Jordao zog der schwedische Mittelfeldspieler trocken ab - 1:0. Keine Frage, das Tor war verdienter als ein Sonntagsschlaf nach einer Nachtschicht. Der Jubel war entsprechend laut, nicht nur auf dem Platz. Selbst die Fans auf der Haupttribüne, die zuvor bei jedem vergebenen Versuch kollektiv gestöhnt hatten, sprangen auf und brüllten sich die Seele aus dem Leib. Davaria Davensberg, ohnehin defensiv eingestellt, fand auch danach kaum statt. Trainer Kurt Mertens versuchte es in der 55. Minute mit einem Wechsel: Tiago Viejo kam für den verletzten Asier Espriu. Das brachte jedoch wenig. "Wir haben gebissen, geblockt und gehofft", gab Mertens ehrlich zu. "Aber Halle hat uns einfach nicht mehr rausgelassen. Am Ende mussten wir froh sein, dass es nur 1:0 steht." In der Tat war das Ergebnis schmeichelhaft. Halle kombinierte gefällig, drückte permanent, doch im Abschluss fehlte die letzte Konsequenz. "Vielleicht waren wir zu nett", scherzte Muriel später. "Aber ein Sieg ist ein Sieg. Und wenn du gewinnst, ohne ein Gegentor zu kassieren, hast du etwas richtig gemacht." Die Zuschauer jedenfalls gingen mit einem Grinsen. Einer rief beim Verlassen des Stadions: "Endlich - das war das schönste 1:0 seit Erfindung des Tores!" Ein anderer erwiderte: "Ja, aber bitte das nächste Mal in der 30. Minute, ich hab noch Bahnanschluss." Statistisch bleibt festzuhalten: Halle dominierte in allen Belangen. Ballbesitz fast 60 Prozent, Zweikampfquote über 58 Prozent, und eine Offensivwucht, die sich nur selten in Zahlen messen lässt. Davensberg dagegen schaffte es, in 90 Minuten nur einmal ernsthaft auf das Tor zu schießen - und das in der Nachspielzeit. Auch Halles Taktik passte zum Spiel: ausgewogen, kontrolliert, kein wildes Pressing, aber ein stetes Anlaufen, das den Gegner zermürbte. Der Ball lief flüssig, das Timing passte - nur die Präzision vor dem Tor nicht. Im Presseraum fragte ein Reporter den Torschützen Ohlson, ob er beim Treffer gedacht habe, der Ball könnte noch vorbeigehen. Ohlson grinste: "Nach den 24 Schüssen vorher? Natürlich. Ich hab erst gejubelt, als der Ball im Netz war." So endete ein Spiel, das für Halle drei Punkte brachte und für Davensberg eine lange Rückfahrt - vermutlich mit der Erkenntnis, dass auch Abwehrriegel irgendwann Risse bekommen. Und vielleicht mit der Hoffnung, dass der nächste Gegner weniger schießt. Oder wie Trainer Mertens es trocken formulierte: "Wenn du 1:0 verlierst und dein Torwart Spieler des Spiels ist, weißt du, wie der Abend gelaufen ist." Ein Spiel, das man nicht wegen der Spannung, sondern wegen der Ausdauer bewundert - und wegen eines Ohlson, der im richtigen Moment die Geduld verlor. 07.09.643987 20:25 |
Sprücheklopfer
Wunderschön, mit dem Außenspann, teilweise mit dem Vollspann.
Günter Netzer