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Es war ein kalter Donnerstagabend in Graz, aber die Stimmung im mit 47.267 Zuschauern gut gefüllten Stadion war heiß. Europaliga, Gruppenrunde, vierter Spieltag - Rot-Weiß Graz wollte gegen SK Pruszkow den entscheidenden Schritt Richtung Achtelfinale machen. Am Ende aber stand ein 1:2 auf der Anzeigetafel - und viele ratlose Gesichter in Rot und Weiß. Dabei fing alles so vielversprechend an. Schon in der dritten Minute prüfte Jay Thackeray den polnischen Keeper Pedro Sousa mit einem satten Linksschuss. "Ich wollte einfach mal testen, ob der wach ist", grinste Thackeray später. Sousa war es - und blieb es über 90 Minuten. Der Mann im neongelben Trikot fischte alles, was Graz in der ersten Halbzeit auf sein Tor schickte, aus der Luft oder vom Rasen. Rot-Weiß Graz spielte engagiert, ja fast verbissen. Trainer Carsten Krause hatte sein Team auf aggressives Pressing eingestellt, aber es fehlte die letzte Konsequenz vor dem Tor. Fernando Dominguez, der rechte Wirbelwind, rackerte unermüdlich, schoss in der 17. und 36. Minute knapp vorbei. "Ich hätte heute zehn Stunden spielen können, und der Ball wäre trotzdem nicht reingegangen", seufzte er nach Abpfiff. Die Gäste aus Pruszkow dagegen warteten geduldig. 55 Prozent Ballbesitz, kluge Pässe, keine Hektik. Trainer Stefan Petruck stand stoisch an der Seitenlinie, die Hände tief in der Manteltasche, als wüsste er längst, was passieren würde. Und dann passierte es: Sekunden nach dem Wiederanpfiff, 46. Minute, Jerzy Augustyn sprintet über rechts, bekommt den Ball von Adrian Kosowski, zieht ab - 0:1. Der Jubelblock der polnischen Fans explodierte, während Krause an der Seitenlinie verzweifelt die Arme hob. Graz schüttelte sich, kam zurück - und wie! In der 63. Minute zauberte Thackeray einen Pass in den Lauf von Dominguez, der diesmal eiskalt blieb. 1:1. Der Jubel war laut, die Hoffnung groß. "Da haben wir geglaubt, jetzt kippt das Ding", sagte Kapitän Olaf Unger später. Doch kaum hatten die Grazer den Ausgleich gefeiert, kam der nächste Nackenschlag. Nur vier Minuten später, 67. Minute: Der gerade eingewechselte Christopher Preston nimmt eine Flanke von Constantin Furtok direkt - und trifft ins lange Eck. 1:2. Ein Treffer, so schön, dass selbst einige Heimfans anerkennend pfiffen. "Das war einer dieser Bälle, die du nur einmal im Jahr so triffst", grinste Preston hinterher, während sein Trainer ihm auf die Schulter klopfte. Danach rannte Graz an, mit viel Herz, aber wenig Klarheit. Krause brachte frische Kräfte - Jonas Held für Baiao, Manojlovic für Dominguez, später Unger für Berg. Doch der Ausgleich wollte nicht fallen. In der 80. Minute noch eine Riesenchance: Manojlovic nach Flanke von Alves, aber Sousa lenkt den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte. "Er hat uns das Spiel gewonnen", lobte Petruck seinen Torhüter, "und vielleicht auch ein paar graue Haare beschert." Die Schlussphase war ein einziges Anrennen. Unger, der Innenverteidiger, stürmte plötzlich mit nach vorn, hatte in der 81. Minute sogar selbst einen Schuss - wieder Sousa. Und als der Schiedsrichter nach 93 Minuten abpfiff, sank Krause auf die Bank, während Petruck seinem Team gratulierte. "Wir haben 44 Prozent Ballbesitz gehabt, aber 100 Prozent Wille", meinte Krause trotzig. "Nur leider zählen eben Tore." Seine Mannschaft hatte zehn Abschlüsse, genauso viele wie die Gäste - aber Pruszkow machte mehr daraus. Die Statistik erzählte ein Spiel auf Augenhöhe, das Ergebnis erzählte ein anderes. Graz kämpfte, Pruszkow kontrollierte. Und am Ende war es die kalte Effizienz der Polen, die obsiegte. Die einzige Gelbe Karte des Spiels ging übrigens an Jerzy Zurawski - ein kleiner Beweis, dass auch Gentlemen foulen können, wenn’s drauf ankommt. Nach dem Schlusspfiff sangen die mitgereisten Fans aus Pruszkow noch lange, während die Grazer Spieler mit gesenktem Kopf in die Kabine schlichen. "Es tut weh, weil wir eigentlich gut gespielt haben", meinte Dominguez. "Aber Fußball ist kein Schönheitswettbewerb." Vielleicht nicht. Aber wer so verliert, hat immerhin Stil. Und Stil, das weiß man in Graz, ist manchmal das Einzige, was bleibt, wenn die Punkte weg sind. 16.10.643990 03:45 |
Sprücheklopfer
Es ist mir völlig egal, was es wird. Hauptsache, er ist gesund.
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