// Startseite
| Tuttosport |
| +++ Sportzeitung für Italien +++ |
|
|
|
Wenn 5666 Zuschauer an einem kühlen Januarabend ins kleine Stadion von Rodengo Saiano pilgern, dann ahnt man noch nicht, dass sie Zeugen eines Spiels werden, das man später mit einem Augenzwinkern "italienisches Herzinfarkt-Fußballtheater" nennen wird. Am 20. Spieltag der 3. Liga Italien (1. Div) besiegte Rodengo Saiano den Favoriten Bari Calcio mit 4:3 (4:1) - ein Ergebnis, das nach purem Wahnsinn schmeckt. Schon nach einer Viertelstunde ging es los wie in einem überdrehten Drehbuch. Der 18-jährige Gaetano Uffugo, ein rechter Flügel mit mehr Mut als Erfahrung, sprintete in den Strafraum, bekam den Ball von Domenico Roggiano serviert und drosch ihn kompromisslos ins Netz. 1:0. Der Stadionsprecher war noch nicht fertig mit seiner Durchsage, da rauschte auch schon der nächste Angriff: Alessandro Vegliaturo (20) erhöhte in der 20. Minute nach feiner Vorarbeit von Emanuele Soverato auf 2:0. "Da dachte ich kurz, wir spielen heute Champions League", grinste Heimtrainer Jan Beyer später, während er sich den Mantelkragen hochzog. Bari Calcio, überrascht und sichtlich verwirrt, fand zunächst keinen Zugriff. Francesco Marini verkürzte zwar in der 25. Minute nach Doppelpass mit Matteo Silvestri auf 2:1, doch das schien Rodengo Saiano nur zu provozieren. Roggiano, der gerade einmal 18 ist, tanzte in Minute 29 durch Baris Defensive, als hätte er einen Joystick in den Füßen, und schloss überlegt zum 3:1 ab. "Ich hörte die Fans rufen, aber ich wollte einfach nur schießen", sagte der Jungspund hinterher bescheiden. Noch vor der Pause legte erneut Uffugo nach - sein zweiter Treffer des Abends (39.) machte das 4:1 perfekt. Bari taumelte, die Heimkurve tobte, und in der Halbzeitpause roch es nach Wunder. 17 Torschüsse hatte Rodengo bis dahin abgegeben, Bari nur acht - das sagt alles über die Wucht der ersten 45 Minuten. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn es einfach bliebe. Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, kam Bari aggressiver zurück. In der 46. Minute köpfte Innenverteidiger Emiliano Castroregio nach einer Ecke von Vincenzo Grassi das 4:2 - plötzlich war wieder Leben auf dem Rasen. "Ich sagte in der Kabine: Wir spielen jetzt so, als wäre’s ein Pokalspiel", erklärte Baris Trainer knapp, während er mit zusammengekniffenen Augen Richtung Schiedsrichter blickte. Das Spiel kippte in ein offenes Nervenstück: Vegliaturo, der bis dahin einer der Besten war, sah in der 59. Minute nach einem übermotivierten Einsteigen glatt Rot. Rodengo nun in Unterzahl, Bari witterte Morgenluft. Die Gäste spielten ihre Überzahl clever, drängten, kombinierten - aber Rodengos Verteidiger warfen sich in jeden Ball, als ginge es um ihr Abendessen. Torwart Luigi Nicola, 20 Jahre jung, musste in der 56. Minute verletzt raus, für ihn kam der erst 17-jährige Igor Zunino. Der wirkte zunächst nervös, rief laut "Ich hab ihn!", wenn er ihn eben nicht hatte - doch mit jeder Parade wuchs sein Selbstvertrauen. Die Minuten verrannen, Bari lief an, Rodengo verteidigte mit Herz und Humor. In der 86. Minute dann der Schockmoment: Yildirim Aziz, 34 Jahre und mit mehr Routine als alle drei Heimstürmer zusammen, schlenzte nach Vorlage von Silvestri den Ball zum 4:3 ins lange Eck. Plötzlich war alles wieder offen. "Da hab ich kurz überlegt, ob ich mich unter der Trainerbank verstecke", gab Coach Beyer nach dem Spiel lachend zu. Doch seine Jungs hielten durch. Selbst als Vincenzo Cerutti in der 88. Minute noch Gelb sah, blieb die Ordnung bestehen. In der Nachspielzeit schickte der eingewechselte Luca Cariati sogar noch einen Distanzschuss Richtung Bari-Tor - der Keeper parierte, aber das Signal war klar: Wir leben noch! Am Ende stand ein 4:3, das sich wie ein 8:7 anfühlte. Rodengo Saiano hatte mit 47,8 Prozent Ballbesitz zwar weniger vom Spiel, aber mehr vom Leben. "Das war ein Sieg der Jugend, des Mutes und vielleicht auch des Wahnsinns", resümierte Beyer. Während Bari enttäuscht in die Kabine schlich, feierten die Heimfans ihre Helden mit Sprechchören, die man vermutlich bis in die Lombardei hörte. Und irgendwo hinter der Tribüne soll ein älterer Fan gesagt haben: "Wenn das die 3. Liga ist, will ich nie wieder Serie A sehen." Ein Spiel, das alles hatte - Tore, rote Karten, Zittern und jugendlichen Übermut. Rodengo Saiano meldet sich damit eindrucksvoll im Tabellenmittelfeld zurück. Und wer weiß: Wenn diese Jungs weiter so spielen, wird man in Bari noch lange über diesen Abend sprechen - und vielleicht ein bisschen fluchen. 07.09.643987 14:42 |
Sprücheklopfer
Wir hatten viele Verletzte, aber das soll den Sieg der Freiburger in keinster Weise schmeicheln.
Andreas Brehme