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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, warum Fußball nicht einfach schon nach 45 Minuten abgepfiffen wird - und dann wieder froh ist, dass es eben nicht so ist. Denn das, was Rodengo Saiano nach dem Pausentee auf den Rasen des heimischen Stadions zauberte, war eine Demonstration von Spielfreude, Geduld und jugendlicher Dreistigkeit. 7878 Zuschauer erlebten ein 3:1 gegen Albese, das sich zunächst zäh wie kalter Espresso anlief, dann aber in ein leidenschaftliches Feuerwerk verwandelte. Trainer Jan Beyer hatte seine Jungs offensiv eingestellt, doch die erste Halbzeit war eher ein Lehrvideo für "Wie man sich den Ball schön zuschiebt, ohne jemanden zu verletzen". 52 Prozent Ballbesitz, ja - aber wenig Zählbares. "Ich hab’ in der Kabine gesagt: Wenn ihr so weiter spielt, schlaf ich auf der Bank ein!", grinste Beyer später. Es brauchte also einen Weckruf, und der kam nur zwei Minuten nach Wiederanpfiff. Vincenzo Cerutti, der 19-jährige Wirbelwind im Sturmzentrum, legte elegant per Hacke auf Luca Cariati ab. Der wiederum drosch den Ball ohne großes Zögern aus gut 20 Metern ins rechte Eck - 1:0 in der 47. Minute. "Ich wollte erst flanken", gab Cariati schmunzelnd zu, "aber dann dachte ich, warum nicht mal was Verrücktes probieren?" Verrückt war nur, dass Albese-Torhüter Miika Tihinen überhaupt noch hinterherflog. Doch die Gäste aus Albese antworteten mit Stolz. Der Routinier Ferenc Tököli, 33 Jahre jung und immer noch mit der Schusstechnik eines Uhrmachers, glich in der 61. Minute nach Vorlage von Matteo Mottafollone aus. Rodengos Defensive sah dabei kurz so aus, als hätte sie kollektiv beschlossen, die Schönheit des Spiels aus der Zuschauerperspektive zu erleben. "Wir standen da wie beim Sonntagsausflug", knurrte Innenverteidiger Dario Bassi selbstkritisch. Aber Rodengo Saiano ließ sich den Schwung nicht nehmen. Beyer wechselte, brachte Antonio Cocco - und der Oldie zeigte, dass Erfahrung in dieser jungen Mannschaft Gold wert ist. In der 81. Minute war es so weit: Emanuele Soverato flankte von rechts, Cocco stieg hoch, nickte ein - 2:1. Der Jubel hallte durch die kalte Nacht, und irgendwo an der Seitenlinie sah man Beyer mit der Faust pumpen, als hätte er gerade selbst getroffen. Albese versuchte es danach mit allem, was der Offensivbaukasten hergab, doch statt Chancen gab es nur Frust. In der 88. Minute machte Cerutti alles klar: Nach einem weiten Ball von Bassi startete der Youngster durch, überlief Abwehrmann Malito und schob eiskalt ein - 3:1. Malito beendete den Abend wenig ruhmreich mit einer roten Karte in der Nachspielzeit, nachdem er Cerutti ein wenig zu herzlich in die Bande begleitet hatte. "Ich wollte nur den Ball spielen", erklärte er später, was wohl nur er selbst glaubte. Statistisch war es ein verdienter Sieg: 16 Torschüsse zu 7, leichtes Ballbesitzplus, mehr gewonnene Zweikämpfe - Rodengo Saiano war die rundere, bissigere Mannschaft. Besonders auffällig war das Duo Cariati/Cerutti, das mit jugendlichem Übermut und Tempo die Albese-Defensive regelmäßig in die Verlegenheit brachte, rückwärts zu laufen - keine Lieblingsübung für gestandene Verteidiger. Albese-Coach Carsten Fuhrmann blieb trotz der Niederlage gefasst: "Wir hatten unsere Phase nach dem Ausgleich, aber dann hat uns die Cleverness gefehlt. Und ein Spiel dauert eben länger als 60 Minuten." Ein Satz, den man sich als Lehrspruch an die Kabinentür nageln könnte. Während die Fans von Rodengo Saiano nach Schlusspfiff ausgelassen sangen und sogar ein paar Feuerzeuge in den Februarhimmel hielten, stand Cocco mit einem breiten Grinsen am Spielfeldrand. "Ich sag’s den Jungs immer: Wenn du alt wirst, musst du schlauer schießen. Heute hat’s gereicht." Vielleicht war es genau das Motto dieses Abends: jung trifft alt, jugendlicher Mut trifft Routine - und am Ende trifft Rodengo Saiano einfach öfter ins Tor. Oder, wie ein besonders euphorischer Fan nach dem dritten Treffer brüllte: "Endlich wieder Fußball, der nach Fußball aussieht!" Da konnte selbst Trainer Beyer nur lachen. 24.12.643990 06:38 |
Sprücheklopfer
Ottmar Hitzfeld ist noch nie auf die Tribüne verbannt worden, ich auch nicht. Aber bei mir wird es sicher nicht mehr lange dauern.
Matthias Sammer