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Das Flutlicht von Saiano war kaum richtig warmgelaufen, da bebte das kleine Stadion schon in der siebten Minute: Der 18-jährige Gaetano Uffugo, mit jugendlicher Unbekümmertheit und der Schnelligkeit eines frisch aufgezogenen Scooters, zimmerte den Ball nach Vorarbeit von Emanuele Soverato ins Netz. 1:0 - und die 6026 Zuschauer waren sicher: Das wird ein ruhiger Abend. Falsch gedacht. Denn Albese hatte an diesem Freitagabend im Januar 2026 keine Lust auf Statistenrollen. Nur eine Minute nach dem Rückstand zeigte Giorgio Montanari, dass auch er den rechten Spann zu bedienen weiß. Nach Vorarbeit von Giacomo Morabito glich er eiskalt aus - und legte in der 24. Minute gleich noch einen nach, diesmal nach feinem Zuspiel von Alessio Ninea. 1:2, und plötzlich war es still in der Lombardei. "Ich dachte kurz, wir hätten den Stecker gezogen", grinste Montanari später. Rodengo wackelte, aber fiel nicht. Trainer Jan Beyer, sonst eher der Typ kontrollierte Hanseat, brüllte an der Seitenlinie so laut, dass selbst der Linienrichter kurz zusammenzuckte. "Wir haben uns zu brav angestellt", sagte Beyer später, "da musste ich mal norddeutsch werden." Zur Pause reagierte er - zwei Wechsel, zwei Zeichen. Marco Serrastretta und Niccolò Gasser kamen, und das Spiel bekam eine andere Farbe. Serrastretta, der schon beim Einlaufen so wirkte, als hätte er Kaffee statt Wasser getrunken, übernahm das Kommando im Mittelfeld. In der 65. Minute fasste er sich ein Herz, zog aus 20 Metern ab - und traf. Wieder hatte Soverato seine Füße im Spiel, wieder war der Ball unhaltbar. 2:2. Albese wirkte überrascht, beinahe beleidigt. 120 Sekunden später kam der endgültige Schlag: Gasser, der zweite Joker, schloss eine sehenswerte Kombination über Serrastretta ab. 3:2. Das Stadion kochte, Beyer riss die Arme hoch, und auf der Albese-Bank flogen erstmals die Trinkflaschen - nicht aus Freude. "Wir haben das Spiel in fünf Minuten verloren", knurrte Albese-Kapitän Matteo Rizzo, der sich kurz zuvor die Gelbe Karte abgeholt hatte. Viel hatte er nicht hinzuzufügen, außer einem bitteren: "So ist Fußball." Die letzten zwanzig Minuten wurden zu einer Mischung aus Nervenschlacht und Improtheater. Albese warf alles nach vorne, Montanari prüfte den jungen Keeper Igor Zunino noch zweimal, während Fabio Gravina und Alberto Piras sich mit Gelb dekorierten, als wollten sie wenigstens farblich auffallen. Rodengo verteidigte mit allem, was Beine hatte. "Wir sind kein Ballett, wir sind Betonmischer", scherzte Verteidiger Luca Piemontese später. Statistisch gesehen war’s eine ausgeglichene Angelegenheit: Beide Teams mit je 13 Torschüssen, Ballbesitz fast pari (49 zu 51 Prozent), Zweikampfquote knapp zugunsten der Hausherren. Aber Fußball ist bekanntlich kein Excel-Sport. Die drei Punkte blieben in Saiano, weil Beyer Mut bewies und seine jungen Wilden zündeten. Zwischen den Pfiffen und Fangesängen - man hörte sogar ein paar ironische "Ole"-Rufe bei jedem Rückpass - war zu spüren, dass dieses Team lebt. "Wir sind jung, wir machen Fehler, aber wir haben Herz", sagte Torschütze Uffugo, der nach seinem Treffer fast in den Werbebanden verschwand. Auf der Pressekonferenz musste Albese-Coach (dessen Name der Verband übrigens vergessen hatte anzugeben - vielleicht wollte er nach diesem Abend auch lieber anonym bleiben) erklären, warum sein Team nach starkem Beginn so einbrach. "Wir hatten das Spiel im Griff", meinte er, "aber dann kam diese verrückte Viertelstunde." Verrückt trifft es ganz gut. Zwischen der 60. und 70. Minute wechselte das Spiel von "kontrolliertem Auswärtssieg" zu "alptraumhafter Implosion". Und während Rodengo nun mit breiter Brust in die kommenden Wochen geht, reist Albese heim mit der Erkenntnis, dass selbst 50 Prozent Ballbesitz nichts wert sind, wenn man am Ende drei Tore kassiert. Vielleicht fasste es Jan Beyer am besten zusammen, als er mit einem Schmunzeln sagte: "Ich bin kein Freund von Chaos - aber wenn’s drei Punkte bringt, darf’s ruhig mal drunter und drüber gehen." Ein Abend also, an dem Jugend, Mut und ein bisschen Wahnsinn den Unterschied machten. Und als die Flutlichter ausgingen, hörte man noch einen Fan rufen: "Uffugo for President!" - was nach dem Auftritt an diesem Abend gar nicht so abwegig klang. Rodengo Saiano 3, Albese 2. Und ein Spiel, das noch lange im Gedächtnis bleiben wird - zumindest bei denen, die den Puls wieder runterbekommen haben. 30.06.643987 03:58 |
Sprücheklopfer
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Andreas Möller