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Ein Abendspiel in Broughton, Flutlicht, 41.761 Zuschauer, ein Hauch von Nieselregen - und ein 1:1, das mehr Gesprächsstoff lieferte, als es Tore gab. Die Broughton Wingmakers und die Holyhead Blues trennten sich am 16. Spieltag der 1. Liga Wales leistungsgerecht mit einem Remis, das alles hatte: frühe Tore, eine Verletzung, eine Gelb-Rote Karte und reichlich Diskussionen über Schiedsrichter, Chancenwucher und Coaching-Philosophien. Schon nach wenigen Minuten war klar, dass es kein gemütlicher Freitagabend werden würde. Die Gäste aus Holyhead begannen forsch - Ramon Vaz prüfte den Wingmakers-Keeper Harrison Anderson in der dritten Minute mit einem Distanzschuss, der mehr Staub als Gefahr aufwirbelte. "Der Ball war schneller weg, als ich blinzeln konnte", grinste Anderson später, "aber immerhin war ich wach." Dann, in der 17. Minute, zeigte Broughton, warum Trainer Tupac Shakur auf Offensive als Lebensphilosophie schwört. Ein präziser Pass von Thomas Robinson in die Schnittstelle, Adam Stevko sprintet rein, ein kurzer Blick, ein flacher Schuss - 1:0. Das Stadion bebte, Shakur ballte die Faust, und Stevko grinste so breit, dass man dachte, er hätte gerade die Liga gewonnen. "Thomas sieht mich sogar, wenn ich noch gar nicht losgelaufen bin", schwärmte der 22-Jährige später. Doch die Freude währte nur kurz. Neun Minuten später, in der 26. Minute, schlugen die Blues zurück. Ferenc Kabat, der 33-jährige Dauerläufer auf der rechten Seite, legte quer zu Igor Skrtel - und der schob eiskalt zum 1:1 ein. "Das war Training pur", erklärte Skrtel danach, "Kabat flankt, ich treffe, Trainer Steinmetz klatscht. Alles wie immer." Das Lächeln des Coaches bestätigte das: "Wir haben nicht den schönsten Fußball gespielt, aber effizienten. Ich nehme das." Das Spiel blieb intensiv. Die Wingmakers dominierten in Sachen Torschüsse - ganze 15 Versuche, doppelt so viele wie die Gäste. Doch was nützt der Schuss, wenn er nicht ins Ziel findet? Manus Mouratidis scheiterte gleich mehrfach, Vincent Garcia jagte den Ball in der 91. Minute über die Tribüne - und Andersons Konterpart, Rafael Arino, hielt, was zu halten war. Ein Schreckmoment in der 30. Minute: Louis Bail verletzte sich bei einem Zweikampf, kugelte sich scheinbar die Schulter aus und musste vom Platz. Ersatzmann Vincent Garcia kam, biss sich rein und sorgte für frischen Wind - zumindest kurzzeitig. Die zweite Halbzeit begann mit viel Wille, aber wenig Übersicht. Die Blues hielten den Ball (52,8 % Ballbesitz), die Wingmakers die Zweikämpfe (53 % gewonnen). Das Gleichgewicht des Spiels war fast poetisch - oder, wie ein Fan auf der Tribüne meinte: "Zwei Teams, die sich neutralisieren, das ist wie ein Chemieexperiment ohne Explosion." Dann kam die 73. Minute. Henry Graysmark, der junge Innenverteidiger der Wingmakers, hatte schon Gelb gesehen - und ging erneut ungestüm in einen Zweikampf. Zweite Gelbe, Gelb-Rot, Abgang. Shakur raufte sich die Haare, das Publikum pfiff, und Graysmark trottete, leicht rot im Gesicht, vom Platz. "Ich wollte nur den Ball", murmelte er später. Sein Trainer kommentierte trocken: "Er hat ihn ja bekommen. Und die Dusche dazu." In Unterzahl kämpften die Wingmakers tapfer, verteidigten tief und setzten auf Konter. Mouratidis hatte in der 89. Minute noch die große Chance - doch wieder war Arino da. Holyhead drückte in den letzten Minuten, Skrtel prüfte Anderson in der 79. Minute ein weiteres Mal, doch der Keeper hielt glänzend. Nach 95 Minuten war Schluss, und beide Trainer umarmten sich mit dem gequälten Lächeln zweier Männer, die genau wissen, dass dieses 1:1 am Ende wohl niemandem so richtig hilft. "Wir hätten das Spiel gewinnen können", meinte Shakur, "oder verlieren. Vielleicht ist das genau das, was wir heute verdient haben." Steinmetz nickte nur und fügte hinzu: "Ein Punkt ist besser als ein Streitgespräch." Die Statistik sprach für Broughton: mehr Schüsse, bessere Zweikampfquote, mehr Herzblut. Holyhead dagegen hatte die reifere Spielanlage und den kühleren Kopf. Tore: Stevko (17.), Skrtel (26.) Gelb: Graysmark (24.), Cromwell (75.) Gelb-Rot: Graysmark (73.) Verletzung: Bail (30.) Und so ging ein Abend zu Ende, der für die Fans beider Lager alles bot - außer einen Sieger. Oder, wie ein älterer Zuschauer beim Hinausgehen murmelte: "Ein Tor mehr, und ich hätte mein Bier verschüttet. So bleibt wenigstens das Hemd trocken." Manchmal ist Fußball eben gerechter, als man denkt. 11.07.643987 18:02 |
Sprücheklopfer
Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit.
Rudi Völler